Märkte sind dumm, ungerecht und moralfrei

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Gruppen-Meinung von: Systemische Wirtschaftstheorie
Themenkreis:
Verfasst von Schnittmenge am 27. Dezember 2011 - 21:05.

Zitat aus der FAZ von Simon: "Märkte sind dumm, ungerecht und moralfrei, denn sie verfolgen keine Ziele. Und das ist auch gut so. Denn nur aufgrund ihrer Blindheit gegenüber nichtwirtschaftlichen Bewertungen lassen sich wirtschaftliche Mechanismen für ganz widersprüchliche Werte und Zwecke nutzbar machen."

Simon: " Mein Plan ist, jeden zu ermutigen, Mechanismen der Wirtschaft für seine eigenen hehren Ziele zu nutzen. ... Ich glaube, dass jeder ein Anliegen hat, und das kann man in der Marktwirtschaft verfolgen. Der Witz an der Geschichte ist, dass ich jederzeit ein Unternehmen gründen kann, um die Welt zu verbessern. Aber ich muss mich - unabhängig davon, wozu ich es gründe - der Logik wirtschaftlicher Prozesse unterwerfen. Das meine ich mit moralfrei. Märkte sind Kommunikationssysteme, und ihre Dynamik folgt keiner höheren Rationalität oder irgendeiner Moral oder Ethik. Diese Logik führt auch nicht zum Erfolg des besseren Produkts, wie manche Marktfundamentalisten behaupten, sondern sie ist ganz inhaltsfrei und wertfrei allein von den Gesetzmäßigkeiten von Kommunikationssystemen bestimmt."

Zitat aus folgendem Interview => http://derstandard.at/1323916640168/Fuehrender-Kopf-Mit-Broetchen-kenne-...

 

Warum ist es sinnvoll die Märkte als ziellos anzunehmen?




Verantwortung

Verfasst von condet am 28. Dezember 2011 - 14:05.

Es ist sinnvoll, Märkte als ziellos, dumm, moralfrei und ungerecht zu definieren, damit die Verantwortung von Fehlschlägen nicht an den Markt abgeben werden können. Die Menschen bestimmen nämlich die Spielregeln, nach denen auf dem Markt agiert wird. Diese sind nicht Gott gegeben.

Ich vergleiche das mal mit dem Schachspiel. Die Spielregeln sind jedem Schachspieler klar. Mit dem Bauern kann man immer jeweils nur ein Feld vorrücken, niemals zurück. Bei der Dame oder beim Turm sieht das wiederum anders aus. Man wechselt sich mit den Zügen jeweils ab etc. Nur weil ich jetzt aber die Spielregeln des Schachspiels kenne, kann ich nicht gleich Weltmeister werden. Die Intelligenz bringen die Schachspieler in das Spiel hinein, genauso wie die Akteure auf dem Markt die Intelligenz mit hineinbringen. Das Schachspiel an sich hat kein Ziel, sondern jeweils die Schachspieler. Ein Analogon kann auch wieder auf den Markt projezieren. Wenn ich jetzt ein Schachspiel verliere, würde man mich wahrscheinlich auslachen, wenn ich die Begründung für meine Niederlage beim Schachspiel mit seinen Regeln suchen würde.

Beim Definieren der Spielregeln sind wir natürlich frei. Wir müssen uns darauf einigen. Wenn uns die Spielregeln beim Schach nicht mehr gefallen, können wir diese ändern und einen Konsens darauf bilden, ab sofort nach den neuen Regeln zu spielen. Ähnlich verhält es sich auch beim Markt. Die derzeitige Krise mahnt uns, die derzeitigen Spielregeln des Marktes zu hinterfragen, wie beispielsweise die Rolle des Geldes als Tauschmittel, was ja die ureigenste Funktionalität des Geldes war.

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Schöne Metapher!

Verfasst von Schnittmenge am 28. Dezember 2011 - 20:24.

Ich freue mich auf die Ideen und ich glaube wir sollten zuerst alle das Buch „Einführung in die systemische Wirtschaftstheorie“ von Fritz B. Simon => http://www.amazon.de/Einf%C3%BChrung-systemische-Wirtschaftstheorie-Frit... durcharbeiten, damit wir das gleiche Hintergrundwissen haben und uns damit eine gemeinsame Sprache schaffen.

Die Märkte

Verfasst von rudi-philosoph am 28. Dezember 2011 - 13:03.

Da liegt ja neuerdings eine Reihe von Ideen für Diskussionen vor. Zunächst zum Begriff des Marktes aus meiner philosophischen Sicht.
Ich schlage zunächst eine Trennung der Begriffe Kultur und Zivilisation vor (mein Buch dazu: Zivilisation als Fortsetzung der Evolution). Zivilisation ist die Fortsetzung der Evolution im Menschenreich (Evolution betrifft das Pflanzen- und Tierreich).
Zivilisation ist die Entwicklung (Evolution) körperexterner Organe des Menschen.
Körperexterne Organe sind Funktionsträger, wie eben auch die inneren Organe Funktionsträger sind (könnt ihr bei Hans Hass nachlesen). Letztlich sorgen die Organe dafür, dass den Zellen, die kleinsten Einheiten des Lebens, genug Materie für ihren Strukturaufbau und Energieträger für ihre Energiegewinnung zugeführt werden. Es gibt dabei im wesenlichen nur 2 Zelltypen (pflanzliche und tierische), die sich im Verlauf der Evolution gar nicht geändert haben. Sie tragen lediglich mehr Informationen im Kern und diese Informationen verändern die Form und die Funktion der Zellen. Aber die Energiegewinnung der menschlichen Zelle ist genauso wir die jeder anderen tierischen Zelle geblieben. Zivilisation verbessert nun die Energiebeschaffung, also die Heranschaffung von Energieträgern in den Mund des Systems Mensch (Ackerbau, Brotherstellung, Bau von Supermärkten zum Einkauf, Kühlschränke zur besseren Lagerung usw. usw.) und verringert den Energieaufwand des Individuums zur Beschaffung der Nahrung (ich erinnere an Wilhelm Ostwalds Kulturtheorie aus dem Jahr 1908).
Die "Märkte" für den Handel mit solchen körperexternen Organen, wie Autos zur Verbesserung der Fortbewegungsorgane "Beine" u.a., also der Markt für solche Produkte oder Waren, wird gesteuert von den Entscheidungen der Käufer, der menschlichen Individuen. Der "Markt" ist der Selektor dieser Produkte. Die Produkte der Pflanzen und Tiere, nämlich z.B. ihre Nachkommen, werden selektiert von deren "Verbrauchern", nämlich die pflanzenfrssenden Tieren selektieren die Produkte der Pflanzen und die "fleichfressenden" Tiere die Produkte ihrer Beutetiere (aber auch umgekehrt!). Diese Selektion bestimmt, was sich weiterentwickelt, also evolviert oder beim Menschen: welche Produkte weiter produziert werden müssen, welche sich weiter entwickeln und neue "Arten" bilden (z.B. neue Automarken usw.).
Der Markt ist also der Selektor, der das "Gute" selektiert, bei den Tieren das "fittere", bei den Produkten der Zivilisation, den körperexternen Organe, das energiesparendere. Das haben wir derzeit beim Auto sehr direkt, dass nämlich Energie sparende Modelle sich besser entwickeln.
Der Markt ist also zwar dumm und moralfrei, womöglich auch ungerecht, aber er folgt unter der Bedingung der Kaufmöglichkeit für alle dem Gesetz der Evolution/Zivilisation, das zu einer ständigen Verbesserung der Energiegewinnung und zur Anreicherung von Komplexität (Information) innerhalb der lebenden Systeme führt. Während nämlich im Rest des Universums das Gesetz der Entropie gilt, gilt innerhalb der lebenden Systeme das Gegenteil, das Gesetz der Extropie. Entropie ist ein Zustand der Informationslosigkeit, während Extropie eine Entwicklung zu immer mehr Informationsanreicherung ist.
Nun zu der Bedingung: so lange es Armut gibt, erfolgt die Selektion nicht nach dem Prinzip der Energieersparnis, sondern nach dem Preis, d.h. der Markt selektiert nicht das qualitativ Beste (wie die Natur in der Evolution), sondern das Billigste. Und das Billigste führt zur Verschnellerung der Entropie außerhalb der lebenden Systeme, was man an der sich abzeichnenden Klimakatastrophe sieht. Geiz ist vielleicht geil, aber er vernichtet unsere Lebensgrundlage auf dem Planeten Erde. Und die Sitation wird dadurch verschlimmert, dass sich nicht nur Märkte für Waren gebildet haben, die eine positive Selektion nach obigem Kriterium betreiben, sondern dass es inzwischen Finanzmärkte gibt, die die Produktion körperexterner Organe (Waren) ganz direkt verschlechtern, nämlich durch Vernichtung von Firmen, die zukunftsorientiert produzieren.
Vielleicht etwas viel auf einmal, aber kürzer konnte ich Evolution, Zivilisation, Märkte, Entropie, Informationstheorie und Finanzmärkte leider nicht so spontan im Zusammenhang erklären.
Euer
Rudi Zimmerman aus Berlin

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Sehr kompakt dargestellt

Verfasst von Schnittmenge am 28. Dezember 2011 - 20:44.

Hallo Rudi,

Du musst unbedingt nächsten zum nächsten [Philosophischen Café] kommen. Denn es wird um Entropie und Komplexität gehen => http://de.consenser.org/node/2507

Diese Gruppen-Meinung stammte aus der Gruppe "Systemische Wirtschaftstheorie" wir wollen gemeinsam das Buch „Einführung in die systemische Wirtschaftstheorie“ von Fritz B. Simon => http://www.amazon.de/Einf%C3%BChrung-systemische-Wirtschaftstheorie-Frit... lesen, damit wir innerhalb dieser Theorie über die Wirtschaft philosophieren können. Hast Du Lust da mit zu machen? => http://de.consenser.org/node/2508

Spannende Frage, welche Selektion auf dem Markt stattfindet bzw. stattfinden sollte.

Saludos,
Daniel

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