Wissensdimension

. Standpunkt von Gruppe: Globalisierung verstehen
Überarbeitet von Schnittmenge am 21. Mai 2011 - 9:32

In diesem Kapitel werden drei SEHR interessante und lesenswerte Fallbeispiele gebracht: World Trade Organization (WTO), Bank für internationalen Zahlungsausgleich (BIZ, BIS) und globale Rating-Agenturen

Hier werden wir uns auf die „Moral der Beispielen“ beschränken:


Lernender Entscheidungsstil

Beim normativen Entscheidungsstil (Nichtlernen) berufen sich die Entscheidungen auf geltende Normen, die meist auf nationalstaatlicher Ebene vorzufinden sind. Bei Streitigkeiten zwischen den Nationalstaaten fehlt es meistens an rechtlichen Normen bzw. widersprechen sich die Gesetze, der im Streit liegenden Nationalstaaten. Lernen ist gefragt! Der kognitive Entscheidungsstiel (Lernender) orientiert sich an neuen Lösungen für aktuelle Streitigkeiten, an denen sich die Entscheidungen ausrichten. Handelsstreitigkeiten können bei der WTO eingereicht werden, die von speziell eingerichteten Gremien von Experten dann entschieden werden. Diese Entscheidungen können dazu führen, dass Mitglieder ihr nationales Recht entsprechend anpassen müssen.

=> Sind bei einem Streit die Ansichten, darüber ob etwas gut und richtig ist unterschiedlich (normativer Erwartungsstil), so muss erlernt werden, wie ein Konflikt im konkreten Fall zu lösen ist (kognitiver Entscheidungsstil).


Schmetterlingeffekte

Die Chaostheorie behautet, dass der Flügelschlag eines Schmetterlings, die Ursache eines Hurrikans sein kann. Kann so auch der Bankrott der Lehman Brothers, als der entscheidende Impuls der Weltwirtschaftskrise gesehen werden? Hätte es den tunesischen Obstverkäufer, der sich selbst verbrannte, nicht gegeben, wäre es in Libyen nicht zum Krieg gekommen? Auch wenn Personen, Staaten, Organisation nach ihren eigenen Kriterien entscheiden, können sie sich in ihrer Entscheidungsfindung gegenseitig beeinflussen. Eine kleine Ursache kann sich zu globalen Effekten aufschaukeln, die losgelöst sind von einer zentralen Kontrollmacht.

Eine ähnliche Wirkung zeigten die Leitlinien „Basel II“ des Basler Ausschusses, der sich als informelles Organ der Selbststeuerung und Selbstkontrolle des Bankensystems versteht. Der innovative Kern von „Basel II“ hielt Einzug in internationale und nationale Aufsichtsbehörden sowie privaten und öffentlichen Einrichtungen. Der entscheidende Punkt ist, dass „Base II“ davon ausgeht, dass jede Bank ihre Produkte am besten kenne und es deshalb sinnvoller sei, diese lokale Expertise zu nutzen, anstatt durch Normen und Gesetze mögliche und sinnvolle Geschäftsmodelle im Vorfeld zu verhindern. Die Kontrolle der Regierungsbehörden besteht in der Überprüfung der Plausibilität des Risikomodells des jeweiligen Finanzproduktes. Dieses Vorgehen wird von den Rating-Agenturen positiv bewertet, womit eine nicht verpflichtete Empfehlung weltweiten Einzug in die Geschäftspraktiken von Finanzprodukten gefunden hat.

=> Aus einer kleinen Ursache resultiert dann eine große Wirkung, wenn diese die Resonanz der Akteure trifft. Die ersten Akteure handeln aus eigener Einsicht. Mit steigender Zahl der Einsichtigen erhöht sich der Druck auf die „Einsichtigkeit“ weiterer Akteure.


Nichtwissen durch Vertrauen ersetzen

Wenn ich etwas nicht weiß, suche ich mir jemanden, der es besser weiß als ich. Dabei muss ich in diesem Jemand vertrauen, dass er es wirklich besser weiß als ich. Je weniger Käufer und Verkäufer die verhandelten Güter sehen, anfassen und begreifen können, um so mehr sind sie den Risiken des Nichtwissens ausgesetzt und um so mehr müssen sie auf anderweitige Expertise vertrauen. Einflussreicher als die meisten einzelnen Nationalstaaten und nachhaltiger als viele internationale Konferenzen zusammengenommen, formen die Rating-Agenturen, Moody’s Investors Service (Moddy’s), Standard & Poor’s Rating Group (S&P), Fitch Ratings, etc. die Architektur globaler Governanz im Weltfinanzsystem. Die Bewertungskriterien der Rating-Agenturen spiegeln die offizielle Doktrin der nordamerikanischen Finanzelite wieder, die bislang weitestgehend ungebrochen auch die Politik der Weltbank, des IMF oder der Internationalen Organization of Securities (IOSCO) prägt. (Glipin 2001: 382) In dieser seltsamen Mischung von neoliberaler Wirtschaftsordnung, Shareholder-Denken und Vertrauen in einen freien, US-amerikanisch regulierten Welthandel setzt sich eine ökonomische Logik durch, die erst durch die Finanzkrise 2008 (nach der Erscheinung des Buches) einen Dämpfer bekommen hat. Der Vertrauensverlust in die Rating-Agenturen hält sich in Grenzen, da es anscheinend keine alternativen Quellen gibt, die eine derart spezialisierte Expertise mit gesammeltem, organisiertem Wissen auch nur annähernd das Wasser reichen könnte. So gibt es zwar einen rohen und oft uninformierten Protest gegen einen unsichtbaren Gegner, doch nur derjenigen, dem es gelingt das Vertrauen anderer zu gewinnen, kann mit seiner Expertise steuernd eingreifen. Das Vertrauen in NGOs als Wissensbroker in Bereichen wie Umweltschutz, Artenschutz, Gesundheit, etc. ist bereits so groß, das sie als Experten für Entscheidungsprozesse von globalen Institutionen eingeladen werden.

=> Die Welt ist unübersichtlich geworden, die menschliche Lernfähigkeit ist begrenzt. Anstatt davon zu reden, was wir nicht wissen, vertrauen wir lieber denjenigen, die es besser wissen. Wer in der Lage ist, das Nichtwissen anderer umzuwandeln in das Vertrauen in seine Expertise, der gestaltet die Zukunft mit.
 


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