Autopoiesis

. Standpunkt von Gruppe: Systemtheorie
Überarbeitet von Schnittmenge am 14. Dezember 2010 - 19:52

Autopoiesis ist mehr als Selbstorganisation

Schauen Sie sich die vielen Vögel an, wie sie dynamische Muster an den Himmel zeichnen!

 

Man kann von Selbstorganisation sprechen, wenn sich Elemente (Vögel) eines dynamischen Systems (Vogelschwarm) nur unter dem Einfluss von lokalen Regeln zu raum/zeitlichen Strukturen (Musterbildung) bilden.

 

Autopoietische Systeme gehen einen Schritt weiter. Autopoiese kommt aus dem Griechischen und setzt sich aus autos = selbst und poiein = machen zusammen. Ein autopoietisches System erschafft und erhält sich durch die Produktion ihrer eigenen Elemente! Schauen Sie sich das Video an und Sehen Sie, wie sich ein Embryo (autopoietisches System) durch die Eigenproduktion der Zellen (Elemente) selbst erzeugt:

 

Autopoietische Systeme sind nicht nur selbstorganisierende Systeme, sondern sie erschaffen sich auch selbst. Sie generieren ihre eigene Elemente, Prozesse und Strukturen. So entsteht ein operativ geschlossenes, selbstreferenzielles, selbsterzeugendes System, das sich reproduziert.


Verschiedene Arten von Systemen

Wenn Sie gegen einen Stein treten, können Sie die Flugbahn nach den Gesetzen der Physik berechnen. Treten Sie dagegen einen Hund, reichen die Gesetze der Physik nicht aus, um das Verhalten des Hundes vorherzusagen. So kann der Hund einfach weglaufen, bellen, knurren, dem Fuß ausweichen oder der Hund beißt sich in Ihren Fuß fest.

Die Biologen Humberto Maturana und Francisco Varela führten den Begriff der Autopoiesis ein, um die Organisationsmerkmale von Lebewesen zu definieren. Sie grenzen sich von einem Stein bzw. Trivialmaschinen ab. Ein Motorrad ist ein Beispiel für eine Trivialmaschine. Es kann auch als ein allopoietisches System bezeichnet werden - griechisch: állos = anderer, fremd; poiein = schaffen, machen, bauen. Ein Motorrad kann sich aus sich selbst heraus nicht erschaffen, es muss gebaut werden. Das Verhalten von Trivialmaschinen ist vorhersagbar, da sie determiniert sind. Das Verhalten von Trivialmaschinen ist mit dem Ursache-Wirkung-Prinzip zu erklären, sie reagieren gegenüber allen Menschen gleich. Das ist bei Lebewesen nicht der Fall. Oder verhalten Sie sich allen Menschen gegenüber gleich? Können Sie das Verhalten anderer Menschen genau vorhersagen? Ich kann das nicht! => Autopoietische Systeme bestimmen ihr eigenes Verhalten. Doch dies sollte nicht der einzige Grund sein, warum Sie keine Hunde treten sollten. ;-)


 

Herr Niklas Luhmann erweitert den Anwendungsbereich der Autopoiesis von biologischen Systemen auf sinnkonstituierende Systeme. Auf diese Weise lässt sich erklären, warum auch psychische und soziale Systeme für sich selbst entscheiden und nicht wie Trivialmaschinen analytisch zu bestimmen sind.

Ausgangsbasis eines autopoietischen Systems ist immer eine spezifische Operationsweise, welche die Art eines Systems bestimmt und nur innerhalb des jeweiligen Systems vorkommt. So ist die spezifische Operationsweise eines biologischen Systems der Lebensprozess, beim psychischen System der Gedanke und beim sozialen System ist es die Kommunikation.


Operative Schließung

Eine Operation ist ein Ereignis. Es hat keine Dauer und verschwindet sofort wieder. Schließt sich einer Operation keine weitere an, so verschwindet ein soziales bzw. psychisches System wieder. Anderseits kann es nur zu einem weiteren Gedanken kommen, wenn es ein psychisches System gibt. Es kann nur zu einer weiteren Kommunikation kommen, wenn es ein soziales System gibt. Operative Schließung bedeutet, dass sich innerhalb eines Systems die nächste Operation an der vorherigen Operation orientiert und nur dort anschließen kann.

Wir haben im Kapitel „Kommunikation“, das Element der sozialen Systeme kennengelernt. Es handelt sich um die Operation „Kommunikation“, die mit dem Verstehen von Ego abgeschlossen wird. Siehe Details: http://de.consenser.org/node/2316

Bei dem folgenden Bild sehen Sie vier zeitlich versetzte Ereignisse zusammengefasst: Foul, Schwalbe, Idiot und Platzverweis stellen die Elemente bzw. spezifische Operation des sozialen Systems dar.


Selbstreferenz (basale)

Die Struktur des sozialen Systems hält sich mögliche Operationen als 2. Operationen offen („Ja, Foul“, „Schwalbe“, „eine Minute Nachspielzeit einrechnen“, ...) und verschließt sich für Operationen, die nach der 1. Operation „Foul“ nicht anschließbar sind, wie zum Beispiel: „Weihnachten“, „Meer“, ...

Beim sinnkonstruierenden sozialen System wird aus der Vielzahl der möglichen Operationen nur die Operation verwirklicht, die aus Sicht des Systems sinnvoll ist. Jede realisierte Operation ist sinnvoll, da diese darauf hinweist, dass das System Umwelt angepasst ist. Sinn ist ein Medium mit der Unterscheidung real / möglich bzw. aktuell / potenziell.

Dies bedeutet, dass aus den vielen möglichen Operationen („Ja, Foul“, „Schwalbe“, „eine Minute Nachspielzeit einrechnen“, ...), die nach der 1. Operation „Foul“ strukturell anschießbar sind, nur eine bestimmte Operation aktualisiert wird, die dann auch automatisch sinnvoll ist, alleine wegen der Tatsache, dass diese Operation stattgefunden hat. Das soziale System ist dabei selbstreferenziell, da es sich auf seine eigenen Elemente bezieht und nicht auf die Umwelt. Dies bedeutet, dass der Mensch und die Operationsart „Gedanke“ sich in der Umwelt des sozialen Systems befinden. Sie gehören nicht zum sozialen System!!! Die Operationsart Kommunikation kommt nur im sozialen System vor. Das System ist operativ geschlossen.

Das alles mag für den, der sich das erste Mal mit den Theorien von Niklas Luhmann beschäftigt etwas befremdlich wirken, da die meisten Neulinge davon ausgehen, dass die Gesellschaft (soziales System) aus Menschen besteht. Doch wenn Sie, die sehr unterschiedlichen und komplexen Menschen in der Umwelt des sozialen Systems belassen, vereinfacht sich die Beobachtung sozialer Systemen ungemein. Das soziale System strukturiert sich selbst durch seine bisherigen Operationen, doch es bedarf auch einiger Umweltvoraussetzung.


Umweltvoraussetzungen

Geben Sie einem Hund zu essen und zu trinken, gehen Sie mit ihm spazieren und pflegen Sie ihn. So sorgen Sie für einige notwendige Umweltbedingungen, damit der Hund seine Autopoiese fortzusetzen kann. Doch wenn Sie diesen Hund treten, kann es sein, dass Sie der Hund beißt. Sperren Sie den Hund ein, ohne Essen und Trinken, so ist es eine Frage der Zeit, wann dieser Hund seine Lebensprozesse einstellt. Ist der Hund tot, so können Sie sicher sein, dass dieser Hund Sie nicht mehr beißt.

Dies bedeutet, dass für jedes autopoietische System gewisse Umweltvoraussetzungen erforderlich sind, damit es seine operative Schließung fortsetzen kann. Durch das Entziehen dieser Umweltvoraussetzungen kann die operative Schließung enden und damit das System zerstören.
Ein soziales System gibt es nur, wenn es Bewusstsein gibt, Bewusstsein gibt es nur, wenn es Menschen gibt, Menschen gibt es nur, wenn sie Sauerstoff zum Atmen haben. Es bedarf bestimmter Umweltvoraussetzungen, damit ein biologisches, psychisches und soziales System ihre nächste operative Schließung durchführen kann. Solange es innerhalb eines autopoietischen Systems zu Operationen kommt, ist somit die Anpassung an die Umwelt gegeben.

Dass der Mensch Luft atmet, bestimmt nicht unsere Gedanken, doch ohne Luft könnten wir nicht denken. Auch wenn Sie durch längeren Luftentzug gefoltert werden, in dem Ihr Kopf beispielsweise unter Wasser gehalten wird, bestimmen Sie weiterhin Ihre Gedanken selbst. Sie entscheiden, ob Sie die Informationen preis geben, die Ihre Peiniger hören wollen. Die Folterer können Ihre Gedanken nicht steuern, sie können nur weitere Gedanken unterbinden, in dem Sie getötet werden. Es ist Ihnen freigestellt, sich wie von den Peinigern gewünscht zu verhalten oder nicht, doch dies ist und bleibt Ihre Entscheidung, solange Sie dafür über die notwendigen Umweltvoraussetzungen verfügen. Denn wird die Autopoiesis nicht fortgesetzt, gibt es weder Entscheidungen noch Verhalten.

 

Strukturelle Kopplung

Wenn wir von struktureller Kopplung sprechen, beziehen wir uns nicht auf all die notwendigen Umweltvoraussetzungen, sondern wir sprechen dann von strukturellen Kopplungen, wenn ein Ereignis mindestens zwei verschiedene Elementarten erzeugt. So entsteht bei dem Verstehen, im sozialen System das Element „Kommunikation“ und im psychischen System das Element „Gedanke“. Die Mitteilung „Schwalbe“ vom Linienrichter wird so vom Schiedsrichter und Spieler verstanden, sodass alle drei denselben Gedanken haben. Auf diese Weise entstehen im sozialen System genau genommen zwei Kommunikationsoperationen.


Das gemeinsame Ereignis „t-3“ hat zwei verschiedene Systemarten miteinander gekoppelt und gleich fünf Elemente erzeugt, die vier verschiedene Systeme miteinander koppeln. Zählen Sie mal nach!

Wie man ein autopoietisches System beobachtet, erklären wir Ihnen im nächsten Kapitel genauer. Bei Fragen, kommen Sie ins [Philosophische Café] =>
 


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