Kommunikation

. Standpunkt von Gruppe: Systemtheorie
Überarbeitet von Schnittmenge am 13. Dezember 2010 - 13:01

Sie - und nur Sie sind es, der bestimmt, was Sie verstehen. Sie bestimmen, was Sie wahrnehmen und welche Information Ihnen mitgeteilt wurde. Diese Prämisse überholt das weit verbreitete Sender-Empfänger-Modell komplett. Denn bei Luhmann wird keine Information übertragen...

Wir beginnen ganz von vorn:

 

Wer andere (Alter) nicht wahr nimmt, kann mit Ihnen (Ego) nicht kommunizieren. (Später werden wir Verbreitungsmedien kennenlernen, die es ermöglichen auch bei Abwesenheit von Alter Kommunikation zu ermöglichen.)

Doch wahrnehmen allein reicht nicht aus, damit Kommunikation entsteht.


Nach Luhmann liegt erst dann Kommunikation vor, wenn Ego versteht, dass Alter eine Information mitgeteilt hat.

Abstrakt formuliert, besteht Verstehen aus der Beobachtung von der Differenz zwischen Information und Mitteilung. Erstens, wenn Ego die Mitteilung so wie Alter versteht und zweitens dieser Mitteilung jene Information zuschreibt, auf die sich die Mitteilung Alters bezieht - “Ego überholt rechts!”, so hat Ego Alter richtig verstanden. Aufpassen! An dieser Stelle kann viel schief gehen. =>


Ein Missverstehen liegt dann vor, wenn Ego der Mitteilung “Idiot!” eine andere Information zuschreibt, als diejenige, die von Alter verwendete wurde. Alter bezeichnet Ego als Idiot, da Ego Alter rechts überholt hat. Doch Ego denkt, dass Alter ihn als Idiot bezeichnet, weil er einen Porsche fährt.

Es ist zu beachten, dass "Missverstehen" kein Begriff von Niklas Luhmann ist, sondern der Begriff eine (nicht final ausdiskutierte) Erfindung des "Luhmann-Stammtisch ( siehe http://de.consenser.org/node/2324) ist.

Welche Situationen kennen Sie? Wann haben Sie schon einmal jemanden  missverstanden? Nehmen Sie diese Situation her, und differenzieren Sie zum einen zwischen der Mitteilung und der zugeschriebenen Information Ihres Gesprächspartners (Alter) und zum anderen zwischen der Mitteilung und der zugeschriebenen Information Ihrerseits (Ego).
Noch eine Frage: Wie bemerkten Sie dieses Missverständnis überhaupt? Die Lösung finden Sie unten bei der Anschlusskommunikation.


Das Plusverstehen ist der absolute Hammer:

Alter braucht gar nichts mitzuteilen, es ist ausreichend, wenn Ego Alter eine Mitteilung und eine beliebige Information zuschreibt. Es wird keine Information übertragen, sondern Information entsteht, wenn diese Information für uns neu ist, und so unser Denken beeinflusst. Wir können uns selber neue Information schaffen, die unser Denken vorantreibt. Wir brauchen keinen Informationssender. Ein harmloser Krawattenträger kann als „Wichtigtuer“ plusverstanden werden und ein harmloser Rocker als eine Gefährdung der eigenen Sicherheit. Herzlich Willkommen in der Welt der “Luftschlösser”.

Es ist zu beachten, dass "Plusverstehen" kein Begriff von Niklas Luhmann ist, sondern der Begriff eine (nicht final ausdiskutierte) Erfindung des "Luhmann-Stammtisch (siehe http://de.consenser.org/node/2324) ist.


Noch einmal Schritt für Schritt:

1. Schritt (Person A - Alter [lat., der Andere]): Information
Die Aufnahmekapazität einer Person ist beschränkt. Deshalb selektiert Person A aus einem unendlichen Horizont von Informationen einen kleinen Ausschnitt, für ihn relevante Information heraus. Die Information muss  neue sein und zu einer Änderung des Denkens führen.

Beispiel Fußballspiel:
Person A ist Schiedsrichter und nimmt wahr, wie ein Spieler dramatisch stürzt. Währen dessen kann er die Werbung auf der Stadionleinwand nicht wahrnehmen bzw. stellt diese für ihn keine neue Information dar, da es sein Denken nicht beeinflusst - er kennt die Werbung bereits.

2. Schritt (Person A - Alter): Mitteilung
Person A wandelt die Information in eine Mitteilung um. Person A kann bei dieser Umwandlung etwas dazu erfinden, etwas weglassen, verfälschen oder einfach etwas anderes mitteilen. Er kann auch bestimmen, welches Medium er zur Mitteilung nutzt: per Sprache, per Brief, per Pfeife.

Beispiel Fußballspiel:
Der Schiedsrichter pfeift ein Foul und zeigt an, dass die Mannschaft des Spielers, der auf den Boden gefallen ist, einen Freistoß bekommt.

3. Schritt (Person B - Ego [lat. Ich]):  Verstehen
Erstens, wenn Person B (Ego) die Mitteilung wie Person A (Alter) als solche wahrnimmt und zweitens, dieser Mitteilung diejenige Information zuschreibt, auf die sich die Mitteilung Alters bezieht. Dann versteht Ego Alter richtig. Doch an diesem Punkt ist die Gefahr für Missverstehen und Plusverstehen (siehe oben) sehr groß.

Beispiel Fußballspiel:
Der Linienrichter (Person B) hört das Pfeifen und sieht die Handzeichen zum Foul des Schiedsrichters (Person A). Er entnimmt dieser Mitteilung die Information, dass es sich um den Spieler handelt, der auf dem Boden liegt.

Nach Luhmann ist Kommunikation erst mit dem Verstehen/Missverstehen /Plusverstehen vollzogen. Was nützt Ihnen die beste Rede, wenn Ihr Publikum Ihnen nicht zuhört und stattdessen schläft oder mit dem Smartphone spielt – es findet keine Kommunikation statt. Doch, wenn Ihre Zuhörer Sie anders verstehen, als Sie es meinen, hat Kommunikation stattgefunden. Nun besteht die Chance der Klärung durch Anschlusskommunikation.

 


4. Schritt (Person B - Alter): Anschlusskommunikation
Nach dem die Person B (Ego) etwas verstanden hat, was Person A (Alter) möglicherweise gemeint haben könnte, kann Person B (Ego) bewerten, ob er dies akzeptieren kann oder nicht. Diesen Vorgang nennt man auch Sinn-Verstehen. Person B (Ego) kann das Verstandene annehmen oder ablehnen. Es liegt in der Hand von Person B, die Kommunikation fortzusetzen, in dem er selbst eine Mitteilung äußert. Person B wird dabei zum neuen Alter und die Schritte 1 bis 3 einer neuen Kommunikationseinheit beginnen von vorn. Nur durch Anschlusskommunikation besteht die Chance, dass Missverstehen und Plusverstehen sich in den nächsten Kommunikationsschritten klären, jedoch besteht auch die Gefahr, dass noch mehr Verwirrung entsteht.  

Beispiel Fußballspiel:
Aus der mitgeteilten Information des Schiedsrichters entnahm der Linienrichter das Foul an dem Spieler. Doch der Linienrichter sah, dass der Fußballspieler nicht gefoult wurde, sondern sich theatralisch fallen ließ. Der Linienrichter vergleicht seine wahrgenommene Information (kein Foul) mit der Mitteilung des Schiedsrichters (Foul) und versucht, diesem Unterschied einen Sinn zu geben. Er kann sich denken, dass der Schiedsrichter vor dem Spiel bestochen wurde und deshalb so pfeift. Er überlegt sich weiter, dass der Schiedsrichter die „Schwalbe“ aus seiner Position einfach nicht erkennen konnte. Der nicht ausräumbarer Zweifel ist da. Der Linienrichter kann die Mitteilung zum Freistoß des Schiedsrichters nun annehmen oder auch ablehnen und die begonnene Kommunikation des Schiedsrichters fortsetzen. Es liegt in der Hand des Linienrichters, die Kommunikation weiterzuführen, in dem er selbst seine Information mitteilt. Der Linienrichter teilt dem Schiedsrichter mit, dass es kein Foul war. (Person B ist Alter im 2. Schritt.) Der Linienrichter wird dabei zum neuen Alter und die Schritte 1 bis 3 beginnen erneut.


Tabelleansicht der 4 Schritte mit dem Beispiel Fußballspiel

Konzept
1. Schritt
2. Schritt
3. Schritt
4. Schritt
Kommunikation besteht aus 3 Selektionen
Selektion der Information
Selektion der Mitteilung
Selektion des Verstehens
Selektion des Sinn-Verstehens
Anschlusskommunikation
     
Annahme oder Ablehnung
Wer?
Person A, Alter,
Schiedsrichter
Person A, Alter,
Schiedsrichter
Person B, Ego,
Linienrichter
Person B wird zu Alter,
Linienrichter
Was passiert?
Persona A wählt aus, was für ihn eine Information darstellt. (Der fallende Spieler)
Person A wählt, wie und was er von der Information mitteilt. (Pfeifen, Foul)
Person B nimmt die Mitteilung wahr und interpretiert (die Information), wie er diese zu verstehen hat. (Gefoulter Spieler)
Person B gibt dem  Verstandenen einen Sinn, welchen er annehmen oder ablehnen kann. Dies entspricht der Information der 1. Selektion => Person A wird zum Ego (Bestechung oder schlechter Winkel?)
Das bedeutet
Eine unendliche Fülle wird nicht als Information wahrgenommen (Werbeplakat)
Auf der Basis der Information wird eine Mitteilung erstellt. Dabei kann der Inhalt erfunden, weglassen, verfälscht oder komplett neu gestaltet  werden. (Das kann nur der Schiedsrichter wissen, für alle anderen ist der Schiedsrichter eine „Blackbox“.)
Die Mitteilung deutet eine Information an. Person B versucht, die Differenz von Information und  Mitteilung zu verstehen. (Gefallener Spieler wurde gefoult.)
Der informative Teil kann missverstanden werden. Die Mitteilung kann plusverstanden werden.
Die mitgeteilte Information von Person A und die wahrgenommene Information von Person B können sich stark unterscheiden => dieser, oder andere Unterschiede können zum Inhalt der Anschlusskommunikation werden. (Mitteilung darüber, dass der Spieler nicht gefoult wurde.)
Selektion ist wechselseitig beeinflusst
(doppelte Kontingenz)
 
Person A kann seine Mitteilung an seiner Vorstellung von Person B anpassen. (Erwartung A) (Sollte der Schiedsrichter parteiisch sein: Das sah auch für den Linienrichter wie ein Foul aus.)
Person B passt sein Verständnis seiner Vorstellung von Person A an. (Erwartung B) (Der Schiedsrichter konnte die Schwalbe aus seinem Blickwinkel nicht erkennen.)
 
In der Sprache von Luhmann
Information Mitteilung
Verstehen (Beobachtung der Differenz von Information und Mitteilung)
Anschluss
         

 

Sie merken, dass Sie es in der Hand haben, welchen Inhalt Sie verstehen. Es ist einfach, andere misszuverstehen. Durch das Plusverstehen wäre es Ihnen sogar möglich, eine Kommunikation aufzubauen, obwohl niemand etwas mitteilen wollte. Kommunikation ist mysteriös und riskant, doch zum Glück gibt es drei verschiedene Arten von Kommunikationsdoping (keine Originalbegriff bei Luhmann, aber eine m.E. lustige Übersetzung von SGKM) :
1.    Doping für eine weitere Reichweite: Kommunikationsmedien
2.    Doping für mehr Verständnis: Sprache
3.    Doping für widerstandslose Kommunikationsannahme: SGKM (Gefährlich!)

Doch bevor wir auf das Kommunikationsdoping eingehen, bedarf es dem Konzept von sich selbstbildenden Systemen. Denn nur mit diesem Konzept kann die Gesellschaft und deren Doping verstanden werden.


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