Liquid Feedback: Wo findet der "Wahlkampf" der Delegationskandidaten statt?

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Verfasst von Schnittmenge am 30. September 2010 - 6:41.

Eine Grundidee von Liquid Feedback der Piratenpartei ist es, seine Stimme an anderen weiter zu delegieren, die sich "besser" in einem bestimmten Themenbereich auskennen. Nun will ich niemanden meine Stimme geben, der

1. gegen Liquid Feedback ist und deshalb dieses System nicht aktiv benutzt.
2. der aktiv ist, jedoch nicht in dem Bereich, für welchen ich ihm meine Stimme delegiert möchte,
3. der in dem Bereich aktiv ist, für welchen ich ihm meine Stimme delegieren möchte, jedoch nicht meine Interessen vertritt.

Deshalb braucht es meiner Meinung nach eine Art "Wahlkampf", wo sich motivierte Personen, um die Stimmen anderer in bestimmten Themenbereichen werben. Es sollte ersichtlich sein, wie sich eine Person in welchem Bereich einsetzen will. Gibt es so eine Übersicht vielleicht schon? Wo findet so ein "Wahlkampf" statt?

 

Vorteile so eines Wahlkampfes:

  • Transparenz, wer sich wo wie einsetzt.
  • Die Eigendarstellung der Kandidaten führt zu einer höheren Motivation zum selbst verpflichteten Einsatz.
  • Es werden mehr Stimmen delegiert, da durch größere Transparenz höheres Vertrauen entsteht.
  • Stimmen werden mehr nach dem Kriterium der Kompetenz als nach dem Kriterium „den kenne ich, der ist nett“ verteilt.
  • Mehr Delegation =>
    • weniger Komplexität für den Einzelnen
    • mehr Fachkompetenz innerhalb eines Themenbereichs
    • mit weniger Aktivität wird mehr erreicht
    • Stimmungsbilder sind schneller zu erkennen

 

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Wahlverkrampfung vs. agiler Info Fluss

Verfasst von Mero am 15. Oktober 2010 - 23:25.

Liquid Feedback ist, wenn man es konsequent betreibt, ein ziemlicher Zeitfresser. Darum ist die Delegationsfunktion vor allem dafür attraktiv, dass ich mich nicht mit einem Thema selbst befassen muss, aber trotzdem in meinem Sinn vertreten werde. "Wahlkampf" jeglicher Art, erhöht definitiv den Zeitaufwand dafür, richtig zu delegieren. Da frage ich mich, wieviel Zeit ich darin investieren mag, dass meine Delegation treffender wird (der berühmte Unterschied zwischen dem Bauchgefühl, dass zu 80% recht hat und der komplexen Analyse, die es dann mit viel mehr Aufwand auf 90% schafft). Nein-ich glaube, dass Wahlkampf im klassischen Sinne keine Lösung ist, weil er mehr der Werbung ("den kenne ich") als der Spezialisierung ("der kennt sich damit gut aus") dient. Wenn überhaupt, braucht es eine neue Form der zeit-effektiven Wahl-Unterstützung (Kampf ist schon von der Wortwahl her der falsche Ansatz)

Vielmahr sollte ich Instrumente an die Hand kriegen, themenspezifisches Vertrauen nicht nur auszusprechen, sondern auch wieder zu entziehen, sobald ich an seinen/ihren Früchten erkenne, dass ich nicht gut vertreten werde. In einem solchen Meinungsbildungssystem (egal ob es Liquid Feedback, Votorola, Adhocracy oder Consensors heißt) wäre es dann hilfreich, wenn der/die Delegierte merken würde, warum er/sie meine Stimme nicht mehr hat. Wenn Entscheidungen, Haltungen, Äußerungen, ein Abgleiten in andere Themen oder einfach nur Untätigkeit zum Verlust meiner Stimme führen, sollte er/sie das SPÜREN können.

Wesentlich erscheint mir, dass der administrative Zeitaufwand für die Stimmengeber niedrig bleiben muss. Sie sollen sich ganz darauf konzentrieren können, zu formulieren, welche Änderungen/Randbedingungen ihnen wichtig sind dafür, dass die StimmÜbertragung beibehalten wird.
Mir schwebt da so eine Art Berichtspflicht vor, in der so ein Delegations-Attraktor seine Geber informiert über das, was erreicht wurde. Das muss nicht unbedingt ein Bla-Newsletter sein, das kann auch in Form einer agilen Projekt-Steuerung visualisiert sein ("Das war der Plan und soviel wurde erreicht - mehr zu erreichen würde eine Planänderung erfordern -gehst Du da mit oder nit?)

Um konkreter zu werden, kenne ich die diversen Tools nicht gut genug. Ich nehme aber war, dass alle, die Liquid Democracy nutzen, auch noch eine Handvoll andere Tools brauchen wie Twitter, Etherpad, Wikis, Webkonferenzen, VoiceChat. Findet dort schon statt, was man hier Wahlkampf nannte ? Wenn nein, wo könnte es sonst stattfinden ?

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Ansatz: Vertrauensverfolgung - Ansatz: Schnittmengenvergrößerung

Verfasst von Schnittmenge am 19. Oktober 2010 - 11:04.

Hallo Mero,

wir sind beide der Meinung:
- Liquid Feedback ist ein Zeitfresser.
- Es bedarf einer zeiteffektiven Wahl-Unterstützung.
- Die Stimmengeber (Delegations-Attraktoren) sollten ihre Zeit auf die Arbeit konzentrieren und nicht durch administrative Aufgaben aufgehalten werden.
- Der Begriff Wahlkampf ist nicht passend.
- Es bedarf einer Art Vertrauensverfolgung, aus der ersichtlich wird, was versprochen (geplant) wurde, und was am Ende davon gehalten wurde. (Gut Idee)
- Das Planungsprofil eines potenziellen Delegations-Attraktor stellt ein transparentes Kriterium - für den der seine Stimme delegiert - da. (Gefällt mir besser als Wahlkampf. Erfüllt, dass was ich mit einem Wahlkampf erreichen wollte. Gute Lösung, bravo Mero!)

Es gibt zwei Extreme:
1. Jeder verfolgt ein anderes Ziel, Können und Wissen wird dafür eingesetzt, die anderen von seinem Weg zu überzeugen => Zusammen als Partei werden wir weniger erreichen als jeder für sich alleine. Ein Krebs kann aus einem Eimer in die Freiheit klettern. Viele Krebse ziehen sich gegenseitig runter, sodass kein Krebs in die Freiheit kommt. Das Verlieren in Details kostet allen viel Zeit, sorgt für viel Ärger und verhindert das, was die meisten wollen. Die Fünfprozenthürde knacken.

2. Alle in der Partei verfolgen dieselben Ziele und auf diesem Weg zu diesen Zielen ergänzt (synergiert) sich unser Können und Wissen. => Wir sollten bei der Schnittmenge unser gemeinsamen Zielen und Werten anfangen und daran arbeiten, dass sich diese Schnittmenge Schritt für Schritt vergrößert. Das ist meine Vision von einer Partei.

Ich finde Liquid Feedback interessant, möchte es noch genauer testen, bevor ich es beurteile, doch glaube ich, dass wir für den 2. Weg noch weitere/andere Ansätze brauchen.

Anziehung und Abstoßung - Parallelen zur Physik

Verfasst von Mero am 20. Oktober 2010 - 17:00.

Hallo Schnittmenge,

danke für die Zusammenfassung unserer beider Meinungen, die ich OK finde bis auf einen Punkt:

Ich habe den (im Ursprung physikalischen Fach-)Begriff Attraktor eingeführt und sollte wohl noch klären, was ich damit meine, damit es nicht zu Missverständnissen kommt (Wikipedia hilft hier nicht).
Es geht dabei um Orte oder Gebiete in einem dynamischen System, in denen sich die einzelnen Teile des Systems früher oder später versammeln, auch wenn jedes Teil andere Ausgangsbedingungen hat und sich individuell verhält.

Interessant und übertragbar auf "Meinungsbewegung in gesellschaftlichen Systemen" finde ich dabei die Erkenntnisse der Chaosforschung und ihre Visualisierung als "fraktale Geometrie" (das Video zeigt 4 Attraktoren im Chaos),

soweit sie sich mit dem Phänomen Selbstorganisation befassen (einige gute Ideen aus den 90ern warten noch auf dei Umsetzung)
Hier kann der bekannte Schmetterling-Effekt auftreten (Bsp. "der Fluss von etwas nicht-stillem Wasser ins Auge eines Stuttgarter Demonstranten ändert langfristig die Verkehrsflüsse in Zentraleuropa - oder auch nicht)

Als Delegations-Attraktor verstehe ich also die Stimmen-Nehmer-Seite, nicht die Geber. (Bitte streiche die Klammer nach "Stimmengeber") Dabei geht es mir nicht wirklich um die Person (dafür bräuchte es keinen neuen Begriff), sondern um den Inhalt und den Informationsfluss drum herum, der zu einer Konzentration von Stimmen bei gleichzeitiger Konsensbildung über die Umsetzung des Inhalts führt.

Parteienwahlkampf, der über das "Kreuzchen machen" zur der am meisten attraktiven Partei führt und dort eine Legislaturperiode verharrt, ist wie der Eimer voller Krebse ein ziemlich leicht vorhersagbares System.

Dagegen ist eine Idee, die auf dem Weg zum Konzept immer mehrheitsfähiger (delegations-attraktiver) wird, Teil eines recht komplexen Systems und daher vor allem aus praktischen (Schöpfer=Autor=Redakteur) Gründen an eine Person gebunden.
Genauso gut kann so ein Attraktor aber auch eine Personengruppe (Bsp. "Parkschützer") oder eben einen Teil einer Person (Bsp. "Expertise in Sachen Städtebau") umfassen.

Den Satz zum Planungsprofil einer Person akzeptiere ich, auch wenn ich mit Delegations-Attraktor nur die attraktive Fachexpertise dieser Person meine. Ein persönliches Planungsprofil müsste sich aus mehreren Kompetenz-Kategorien zusammen setzen, die einem gemeinsamen Katalog entspringen und daher selbst Ergebnis vorhergehender Konsensbildung sein müssen. Gleichzeitig ist aber kein Thema eindeutig einer Kategorie zuzuordnen. Das führt zu komplexen Fragen ("Ist ein bestimmter in Sachen Umweltschutz und Bürgerrechte sicher gut informierter Parkschützer inzwischen auch zur Fachkraft für Aggressions-Mediation, Bauvergabeordnung und EU-Verkehrspolitik geworden?")

In dieser Kategorie-Bildung/ Katalog-Hierarchie/ Tag-Clustering Problematik sehe ich die größte Herausforderung für LF-artige Systeme.

Dass LF innerhalb einer bereits bestehenden Partei erprobt wird, mag ich nicht kommentieren, ebensowenig die Tauglichkeit des Extrembilds "Krebs klettert allein raus" für irgendwelche Partei-strategischen Überlegungen, denn ich bin kein Mitglied irgendeiner Partei. Insofern ist die Beschreibung der beiden Extreme für mich weder Konsens zwischen uns noch eine Beschreibung der Unterschiede unserer beider Meinungen zum ursprünglichen Thema.

Mero

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Physik ist nicht die richtige Ebene

Verfasst von Schnittmenge am 25. Oktober 2010 - 11:48.

Hallo Mero,

ich habe mich sehr über Deine Antwort gefreut.

1. Stimmengeber
Wir meinen dasselbe bei Delegations-Attraktor – auch hier sind wir einer Meinung. Es ist die Stimmen-Nehmer-Seite. Doch Stimmgeber ist zweideutig, denn es kann beides sein, der seine Stimme an einen Delegations-Attraktor weitergibt und auch der Delegations-Attraktor, der seine gesammelten Stimmen an einem Vorschlag weitergibt. Deshalb habe ich zur Klärung, was für einen Stimmgeber ich meine in Klammern Delegations-Attraktor geschrieben. Geklärt?

2. Chaos
Ich finde die Chaosforschung für die Gesellschaft und Politik nicht den richtigen Ansatz – und damit spucke ich mir als Maschinenbauer in die eigene Suppe:
Determiniertes Chaos ist abhängig von den Ausgangsbedingungen, eines determinierten Systems. Habe wir die Definition eines determinierten Systems, können wir die Grenzen unser Vorhersagbarkeit bestimmen - mit welcher Wahrscheinlichkeit eine Wettervorhersage stimmen wird bzw. wann wir keine Vorhersagen machen können. Weiteres Beispiel http://de.wikipedia.org/wiki/Logistische_Gleichung

Doch mir ist weder für Gesellschaft noch für Politik bekannt, dass es ein determiniertes Modell gäbe, mit dem man rechnen könnte. Jeder dieser Versuche wird in die Hose gehen. Da brauchen wir einen anderen Ansatz und denn sehe ich bei Niklas Luhmann, der von sich selbst-schaffende Systeme ausgeht. Mehr dazu hier: http://de.consenser.org/node/2314 diese Einführung wird noch fortgesetzt ...

Der Punkt ist, dass ein Modell immer von der Intelligenz seiner Modellerschaffer limitiert ist - Chaosforschung. Des Weiteren limitiert sich die Idee der Selbstorganisation auf die Existentes von Elementen (z. B. Personen), die miteinander interagieren – Chaosforschung. Es bedarf – meiner Meinung - einem Quantensprung im Umgang mit Komplexität, denn ich im Ansatz von sich selbst-schaffenden Systemen sehe. http://de.wikipedia.org/wiki/Autopoiesis#Der_Autopoiesisbegriff_in_der_S...

Ich bin tief davon überzeugt, dass mit der gezielten Kulturvierung von autopoietischen Systemen mehr Intelligenz entstehen kann, wie die Summe derer die diese Systeme kultivieren. Da sehe ich Ansätze für Politik und Gesellschaft.

Gerne können wir uns mal unsere Gedanken austauschen. Es könnte sein, dass die Fraktale Fabrik in die „richtige“ Richtung geht. Hier bin ich meistens vormittags unter dem Namen Schnittmenge zu finden: http://de.consenser.org/l-philo-chat?format=blank

Saludos,
Daniel

LqFb und Twitter reichen aus

Verfasst von etz_B (nicht überprüft) am 30. September 2010 - 10:14.

LqFb selbst bietet mit den Abstufungen (Gegen-)Initiative, Anregung und Kommentierung auf den Diskussionsseiten vielfältige Möglichkeiten, Kompetenz unter Beweis zu stellen. Immer stärker scheint mir Twitter ein sinnvolles Medium, auf die Beteiligung an LqFb hinzuweisen. Dazu kommen natürlich die üblichen Mailinglisten/Newsgroups/Foren, die aber anscheinend in der Bedeutung zurücktreten.

Was vielleicht wieder stärker angestrebt werden sollte, ist die Erarbeitung von Initiativen in Arbeitsgemeinschaften. Da müssen wir aber noch lernen, auf Kompromisse und Ergebnisse hin zu diskutieren.

Im übrigen:

http://wiki.piratenpartei.de/Benutzer:Etz/Kommunikation_und_Rauschen

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Zeit sparen

Verfasst von Schnittmenge am 30. September 2010 - 12:09.

Danke Etz,

wenn ich das richtig interpretiere, meist Du dass durch aktives Teilnehmen an LqFb und Twitter einem klar wird, wem man seine Stimme delegieren kann. Das gibt sicherlich eine bestimmte Orientierung, jedoch bedarf es dazu bereits einen hohen Aufwand, den nicht jeder erbringt, bzw. man kann sich ja auch in seinem Eindruck irren. Aus diesen Gründen finde ich eine Art Selbstdarstellung von Personen, die sich delegierte Stimmen wünschen für sinnvoll. Das spart Zeit.

Ich habe Dein Artikel „Kommunikation_und_Rauschen“ gelesen und erlaube mir ein paar Anmerkungen:
Das sich die Gesprächsfäden Zerfasern kann man gut mit der Kommunikationstheorie von Niklas Luhmann erklären. Besuche doch einfach mal das nächste [Philosophische Café]: http://de.consenser.org/philosophisches_cafe

Die Idee des Diskurs-Consenser ist das Zusammenführen von vielen verschiedenen Gesprächsfäden. Ein Beispiel: http://de.consenser.org/ger/consenser/1268 ( Klicke auf: KLICK- „Wie funktioniert der Diskurs-Consenser“ und Du findest eine Diashow mit Erklärung)

Ich finde Deinen Ansatz gut in Werkzeugen zu denken. Es geht um das finden des richtigen Instruments für den richtigen Zweck. Politik ist das finden und Durchsetzen von Entscheidungen, dies bedarf einer Verdichtung des Diskurses. Dafür ist Consenser.org entwickelt worden. Ich bin bereit Consenser.org den Anforderungen, die Du als notwendig siehst, um „komplexe programmatische Arbeit“ besser unterstützen zu können.

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