Die absolute Wahrheit

Bild von edwin
Kommentieren Sie diese Meinung
vom Diskurs-Projekt:
Verfasst von edwin am 1. Oktober 2009 - 2:02.

Die einzige Wahrheit ist die Struktur, die hinter allen Dingen ist, die existieren. Was ist damit gemeint?

Es gibt bestimmte Regeln oder Gesetze, nach der sich unsere Welt richtet. Das sind z.B. mathematische Regeln (1+1 ist immer zwei, unabhängig vom Beobachter), die Gravitation, die Kräfte, die Atome zusammenhalten, usw. Andere Beispiele sind die DNA, die in jedem Lebenwesen vorkommt. Manche dieser Regeln oder Gesetze wirken nur unter bestimmten Umständen; sind diese besagten Umstände aber gegeben, passiert immer dasselbe. Dies erscheint uns zwar oft als selbstverständlich, aber nur deswegen, weil wir diese Strukturen als solche verinnerlicht bzw. unbewusst als gültig erkannt und akzeptiert haben (wie 1+1=2).
Niemand kann im wissenschaftlichen Sinne nachweisen, woher diese Regeln oder Strukturen kommen. Man kann sie nur beobachten und feststellen, dass unsere Welt so funktioniert. Und das ist genau das, was die Naturwissenschaften und auch andere Wissenschaften versuchen, zu beschreiben. Wenn dann so eine Struktur beobachtet und hinreichend beschrieben wird, bezeichnet man das als „Axiom“, um darauf bestimmte Gedankengänge aufzubauen und logische Konsequenzen zu ziehen, um zu „wahren“ Aussagen zu kommen.
Es gibt aber auch subtilere Gesetze, die ich persönlich viel interessanter finde: Z.B. das Gesetz von Ursache und Wirkung. Nichts passiert in diesem Universum ohne eine Ursache, und wenn irgendwas passiert, hat das immer eine Folge.
Diese Strukturen sind auch hinter allen anderen Phänomenen und Theorien, wie z.B. die Chaostherorie, die Relativitätstheorie, logische Denkmuster (genau das, was wir hier machen in dieser Diskussion, nämlich logisch und für andere verständlich – wenn auch nicht unbedingt akzeptabel - zu argumentieren), oder das Phänomen des Lebens an sich (was ist Leben überhaupt, und welchen Sinn hat es , usw. ?)
Da Phänomene wie das Leben oder das Gesetz von Ursache und Wirkung schwieriger zu „greifen“ sind als die rein naturwissenschaftlichen Tatsachen, versuchen für diese Fälle Disziplinen wie die Philosophie, die Theologie oder auch bestimmte transpersonale Psychologierichtungen Erklärungen hierfür  zu finden. Aber auch diese können keine hinreichenden Ursachen für all diese Gesetze und Strukturen nennen, die anscheinend zeitlos und ortsunabhängig sind, da sie immer wirken unter denselben Umständen, unabhängig davon, wer davon betroffen ist oder wer sie beobachtet.
Diese Strukturen, Gesetze oder Regeln sind für mich die Wahrheit. Diese Grundwahrheiten können an sich nicht bewiesen werden, da eine Beweisführung auf denselben Gesetzen (in dem Fall eine logische Argumentationskette) aufgebaut wäre, mit der man diesselben beweisen will. Man würde also im Kreis argumentieren. Man kann sie also nur beobachten und sie dann aufgrund der ihnen inneliegenden Wahrheit „Axiome“ nennen.
Es ist sehr interessant, dass viele der hochbegabten Naturwissenschaftler wie z.B. Albert Einstein, Niels Bohr oder Max Planck nach einem Leben voller Experimente, Theorien und Erkenntnisse zu derselben Schlussfolgerung gekommen sind, nämlich dass es da irgendwas gibt, was hinter den Dingen liegt, das man nicht erklären kann und was unser menschlicher Verstand nicht erfassen kann. Und genau das ist für mich die Wahrheit, die absolute Wahrheit.


Bild von Schnittmenge

Warum wir die absolute Wahrheit begraben sollten

Verfasst von Schnittmenge am 1. Oktober 2009 - 15:13.

Danke für Deine ausführliche Meinung. Ich versuche sie in meiner Sprache wiederzugeben, da ich sehe, dass ich bestimmte Konzepte anders bezeichne.

Unsere Welt => Meine Wirklichkeit
Meine Regeln und Gesetze sind von sprachlichen, psychologischen, sozialen, historischen und physischen Faktoren beeinflusst. Es gibt eine Überflut an Verallgemeinerungen, Regeln, Theorien, Systemen und Weltanschauungen, die sich widersprechen. Es gibt aber auch Bereiche, in denen breiten Konsens gibt, doch wie die Welt an sich ist, können wir nicht wissen. Die Mathematik ist deshalb so erfolgreich, da sie sich durch Axiomatisierung nicht auf unsere Wahrnehmung bezieht, sondern ein Produkt des menschlichen Denkens ist! Weitere Erklärungen: http://de.consenser.org/node/2059


Ursache und Wirkung
Es ist sinnvoll unser Handeln an dem Prinzip „Ursache und Wirkung“ zu orientieren. Jedoch auch dieses Prinzip verhält sich nicht kohärent zu unseren Idee von Willensfreiheit noch zu der Erscheinung des Zufalls in der Quantenmechanik. Mehr zur Kohärenztheorie hier: http://de.consenser.org/node/2055


Das Problem der Sprache entschärfen
Du sagst selbst, dass die Grundwahrheiten nicht bewiesen werden können und diese Grundwahrheiten sind für Dich die absolute Wahrheit. Meine Auslegung ist, dass wir diese unbekannten Grundwahrheiten als Nichtwissen bezeichnen sollten. Des Weiteren haben Axiome nichts mit Wahrheit zu tun, sondern können beliebig gewählt werden, damit eine Theorie in sich schlüssig ist. Meine Vision ist, durch die Schaffung einer Kommunikationsschnittmenge das Problem „Sprache“ zu entschärfen. Mehr dazu hier: http://de.consenser.org/node/1733


Regulative Ideen
Was wäre mit der Rechtsprechung ohne der Idee der Willensfreiheit?
Wo wäre die Gehirnforschung ohne der Idee des Determinismus?
Gott, ein Leben nach dem Tod, die Idee von Ursache und Wirkung, die Idee von Willensfreiheit sind alles regulative Ideen. Wer sein Leben an diesen Ideen ausrichtet, wird diese als wahr erfahren. Diese Ideen regulieren unser Leben, ohne dass es sich dabei um Wahrheit handelt. Jedoch können regulative Ideen sinnvoll sein. Es gibt Studien, die belegen wollen, dass gläubige Menschen, mehr Kinder haben, länger leben und durchschnittlich glücklicher sind. (Hat dazu jemand mal einen Link auf so eine Studie?)


Warum wir die absolute Wahrheit begraben sollten
Es wurde zu viel Blut im Kampf um die Wahrheit vergossen. Der ideologische Kampf ist der Hauptproduzent menschlichen Leidens auf der Welt. Wir sollten die absolute Wahrheit lieber Nichtwissen nennen und nach gemeinsamen regulativen Ideen suchen. Verschiedene absolute Wahrheiten führen zu Konflikten. Gemeinsame Ziele, gemeinsame regulative Ideen, gemeinsame Axiome verbinden Menschen mit den unterschiedlichsten Weltbildern, so wie es im Bereich der Mathematik bereits funktioniert. Was ist ein ideologischer Kampf? Wie kann er entschärft werden? Siehe hier: http://de.consenser.org/node/1731

Bild von edwin

"Und sie existiert doch!" (die absolute Wahrheit)

Verfasst von edwin am 5. Oktober 2009 - 5:24.

Die Regeln und Gesetze, die du unter der Unterschrift "Unsere Welt => Meine Wirklichkeit" sind relative Regeln und Gesetze. Ich spreche aber von absoluten Regeln und Gesetzen, die darunter liegen, auf denen die relativen also aufbauen. Gemäss meinem Verständnis suchen wir in dieser Diskussion die absolute Wahrheit, nicht die relative. Ich spreche von Naturgesetzen, die jeder beobachten kann. Weder die Gravitation noch E=mc2 hat mit sprachlichen, psychologischen, sozialen oder historischen Faktoren zu tun. Und auch die Mathematik baut auf einem Denkmodell auf, das wiederum auf einer darunterliegenden, absoluten Wahrheit basiert. Und wie gesagt, diese darunterliegende absolute Wahrheit kann nicht bewiesen, nur beobachtet werden, da diese Struktur mit unserem menschlichen Verstand nicht erfasst werden kann (genauso wie wir uns nicht vorstellen können, wie eine Welt in 5 oder mehr Dimensionen aussieht, diese Welt aber gemäss mathematischer und physikalischer Theroie existiert).

Mir ist nicht klar, warum das Gesetz von Ursache und Wirkung in der Kohärenztheorie nicht gilt. Füge ich eine Aussage in einen Kontext ein, passiert damit was: Es ist entweder wahr oder falsch, oder passt dazu oder nicht. Das ist dann die Wirkung. Bewege ich nichts im System, passiert auch nichts, oder? Ob das dann gemäss der relativen Gesetze im kohärenten System logisch ist, ist eine ganz andere Frage. Ursache und Wirkung gilt aber weiterhin.

Die Idee des freihen Willens kann nur im spirituellen Sinne verstanden werden und ist daher ein sehr "heikles" Thema. Inwiefern ist ein Mörder schuldig, wenn man erfährt, dass er während seiner Kindheit oder auch als Erwachsener ständig misshandelt wurde? In wieweit ist er Täter, in wieweit Opfer? In wiefern kann man eine Frau, die 18 Jahre lang in einem Keller eingesperrt war und von ihrem Vater ständig misshandelt hat, vorwerfen, dass sie eine schlechte Mutter ist, da seit ihrer Freilassung (und auch vorher schon) in starke Depressionen fällt, und sich in diesem Zustand nicht um ihre Kinder kümmern kann? Ich fühle micht nicht befugt, für diese Themen eine allgemeingültige "wahre" Aussage zu treffen. Die "Wahrheit" (die relative) hängt in jedem Fall von der jeweiligen Situation ab. Ich glaube aber, dass unsere Rechtsprechung in der Zukunft mehr in Richtung "Heilung" gehen sollte anstatt in Richtung "Strafe", wie es heute noch gehandhabt wird. Im Endeffekt ist jeder Täter auch ein Opfer seiner Vergangenheit, seiner Programmierung. Dass solche Menschen dann temporär während des Heilungsprozesses von ihren Mitmenschen abgeschirmt werden müssen, werden diese u.U. zwar als Strafe empfinden (Freiheitsentzug), das dahinterliegende Konzept ist aber vollkommen anders (Heilung vs. Strafe). Trotzdem, dies ist und bleibt ein sehr komplexes Thema, das nicht einfach zu lösen ist.
Der freie Willen existiert aber in uns, wenn sich das auch momentan extern nicht manifestiert. Deswegen können wir jederzeit unser Leben ändern, wenn wir das wollen. Das Problem hier ist nur, dass wir oft nicht wissen, wie. Am freien Willen ändert das aber nichts.

Du hast das Thema "Ideologien" erwähnt. Ideologien sind Regeln und Gesetze, die irgendwann mal von jemand erfunden und dann als für "wahr" erklärt worden sind. Dies kann also per Definition nichts mit absoluter Wahrheit zu tun haben, welche zeitlos ist. Allein im letzten Jahrhundert sind zwischen 100 und 200 Millionen Menschen (!!) wegen ideologischer (vor allem religiöser und politischer) Ideen umgekommen - das kann es also nicht sein. Ideologien sind steife und unflexible Denkmuster, die schon allein aufgrund dieser Tatsache lebensfremd sind, da das Leben in konstantem Fluss ist und sich ständig erneuert und evolutioniert.

Nun nochmal zur absoluten Wahrheit: Da diese nicht bewiesen (wohl aber beobachtet) werden kann, und da unser ganzes Universum und das Leben selbst darauf aufgebaut sind, kann man nur daran glauben. Wissen im wissenschaftlichen Sinne kann das niemand. Und jeder Mensch glaubt an irgendetwas: Manche glauben an einen Gott (meistens die "religiöse Variante", andere aber auch die "freie", "nicht-niedergeschriebene"), andere an die Nichtexistenz eines Gottes (nicht-glauben ist auch eine Form des Glaubens!), andere an ein höheres Wesen oder höhere Intelligenz, ohne diese benennen zu wollen, wieder andere nur an sich selbst und die eigenen Fähigkeiten, andere an die Axiome und wieder andere an das "Nichtwissen". Im Endeffekt versucht jeder, diesen nicht-fassbaren, nicht-erklärbaren, nicht-beweisbaren Gesetzen ein Etikett zu geben, welches auch immer das sein mag. Und jeder kann das ganz persönlich für sich selbst bestimmen, nach freiem (innerem) Willen.

Bild von Schnittmenge

Okay, wir sind uns einig, dass

Verfasst von Schnittmenge am 5. Oktober 2009 - 9:36.

Okay, wir sind uns einig, dass eine absolute Wahrheit nicht bewiesen werden kann. Ich lasse mich von Dir überzeugen, dass es für die "absolute Wahrheit" verschiedene Etiketten gibt. Wir sind uns einig, dass eine Aussage innerhalb eines bestimmten Kontextes „wahr“ oder „falsch“ zugewiesen werden kann. Wir sind uns einig, dass es gefährlich ist, Ideologien als Wahrheit darzustellen und sollten deshalb darauf verzichten (ein sehr wichtiger Punkt).

Ich bin jedoch nicht der Meinung, dass wir die absolute Wahrheit erfahren können.

Damit reduziert sich unsere Diskussion auf die beiden Fragen:
Was können wir erkennen?
Worüber können wir reden?

Heute Abend 19.00 Uhr geht es im virtuellen Philosophischen Café auf Consenser.org [Treffen] weiter: http://de.consenser.org/sprechen

Warum eigentlich nicht?

Verfasst von R-A-S (nicht überprüft) am 29. Oktober 2009 - 23:52.

Warum sollten wir die absolute Wahrheit nicht erfahren können?
Es brauchte sich ja zum Beispiel nur mal ein Gott der Menschheit zu zeigen, bzw. wieder zu zeigen. In einem solchen Falle wäre die Akzeptanz das Problem. Irgendein Mensch würde dann sicher fragen, was vor Gott da war?!
Andererseits erinnere ich an dieser Stelle an die Tatsache, dass ein menschliches Gehirn eine größere Anzahl möglicher Synapsenverbindungen aufweist, als es Atome im Universum gibt.

Bild von Schnittmenge

Wann können wir von Absoluter Wahrheit sprechen?

Verfasst von Schnittmenge am 16. November 2009 - 18:16.

Nach dem scheinbar keinen Consens gibt, die Absolute Wahrheit abzuschaffen, habe ich die Gruppe „Die Absolute Wahrheit (AW)“ eröffnet. Ziel dieser Gruppe ist es sich der Absoluten Wahrheit anzunähern. Link zu Standpunkte-Wiki der Gruppe: http://de.consenser.org/node/2154