Ideale Sprechsituation

. Standpunkt von Gruppe: Jürgen Habermas praktikabel gemacht
Themenkreis:
Überarbeitet von Schnittmenge am 27. Juli 2009 - 18:15

Ein öffentliches Schwimmbad hat Regeln. Dazu gehören zum Beispiel, die Pflicht zum Tragen einer Bademütze, zum Austreten soll die Toilette benutzt werden, eine maximale Anzahl der Benutzer, Grenzwerte für den PH-Wert des Wassers, Ess- und Trinkverbot im Bad, das Laufen ist untersagt, es darf vom Beckenrand nicht hereingesprungen werden etc. Wenn diese Regeln eingehalten werden, wird das Schwimmbad einem gewissen hygienischen Standard entsprechen und deren Benutzung wird angenehm und ungefährlich sein.

Ein Schwimmbad hat nur deshalb Badegäste, weil den Gästen im Vorfeld ein gewisses Maß an Vertrauen entgegengebracht wird. Man geht also davon aus, dass sie die Regeln einhalten werden. Hätte man dieses Vertrauen nicht, bräuchte man kein Schwimmbad eröffnen, weil niemand das Schwimmbad benutzen dürfte. Denn stets bestünde die Gefahr, dass jemand gegen die Regeln verstößt.

Eine Kommunikationsgemeinschaft kann nur dann einen vernünftigen Diskurs führen, wenn diese die Einhaltung der Regeln einer idealen Sprechsituation als gegeben voraussetzt – sonst bräuchte man einen vernünftigen Diskurs überhaupt nicht beginnen. Diese Vorwegnahme einer idealen Sprechsituation ermöglicht erst einen Diskurs, in welchem Wahrheit und moralische Richtigkeit entstehen können (Regulative Idee).

Die Einigung in einem Diskurs in einer idealen Sprechsituation stellt einen vernünftigen Konsens dar. In solch einem idealen Diskurs bemühen sich alle Teilnehmer um Verständlichkeit, alle sollen ehrlich / wahrhaftig sein und nur das sagen, was sie auch wirklich meinen. Alle sollen ernsthaft versuchen, wahre Aussagen und richtige Werturteile zu nennen. Erst dann herrscht ausschließlich der eigentümliche „zwanglose Zwang des besseren Arguments“.

 

Wie sieht diese ideale Sprechsituation genau aus?

In einer idealen Sprechsituation ist jeder Sprecher gleichberechtigt,

  • alle können Diskurse eröffnen, sie durch Rede und Gegenrede, ohne irgendeine Zeitbegrenzung weiterführen (kommunikative Sprechakte – Offenheit).
  • alle Diskursteilnehmer müssen die gleichen Chancen haben, Deutungen, Behauptungen, Empfehlungen, Erklärungen und Rechtfertigungen aufzustellen und deren Geltungsanspruch zu problematisieren, zu begründen oder zu widerlegen, so dass keine Vormeinung auf Dauer der Thematisierung und der Kritik entzogen bleibt (konstative Sprechakte - Transparenz).

Es dürfen nur Sprecher zum Diskurs zugelassen werden,

  • die als Handelnde gleiche Chancen haben, ihre Einstellungen, Gefühle und Intentionen zum Ausdruck zu bringen. Dadurch soll sichergestellt werden, dass die Diskursteilnehmer sich selbst gegenüber wahrhaftig sind und ihre innere Natur zur Erscheinung tritt (repräsentative Sprechakte - Wahrhaftigkeit)
  • die als Handelnde die gleiche Chance haben, zu befehlen, sich zu widersetzen, zu erlauben und zu verbieten. Diese formale Gleichverteilung der Chancen soll die Gewähr dafür bieten, dass Realitätszwänge aufgehoben werden und in den erfahrungsfreien und handlungsentlasteten Kommunikationsbereich eintreten können (regulative Sprechakte – Redlichkeit).

 

Beispiele:

  • Wenn wir diskutieren, können wir uns auf die Suche nach Verständigung begeben oder an uns zuvor gesetzte Ziele orientieren.
  • Wir können uns vom Wahren und Richtigen leiten lassen oder unsere Interessen durchsetzen.
  • Wir können uns von der Bedeutsamkeit des Gesagten bestimmen lassen, oder von der Autorität des Sprechenden beeinflussen lassen.
  • Wir können nach dem objektiven „Recht Haben“ suchen, oder blind und trotzig unser „Recht Behalten“ durchsetzen.
  • Wir können uns vom „zwanglosen Zwang des besseren Argumentes“ überzeugen lassen, oder vom trickreichen Überreden überrumpeln lassen.

 

Nun gut, leider hat sich mein Sohn im Schwimmbecken erleichtert. Es gibt jedoch nicht nur solche, sondern auch die Gäste, die vom Baderand ins Wasser springen etc. Wie viele Störenfriede kann ein Freibad verkraften?

Auch auf der Suche nach der Wahrheit und der moralischen Richtigkeit gibt es Störenfriede. Jürgen Habermas weiß dieses und schlägt deshalb Lösungen vor, die wir in dem Kapitel „Praxis“ genauer beleuchten werden.
 


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