Wer ist Jürgen Habermas?

. Standpunkt von Gruppe: Jürgen Habermas praktikabel gemacht
Überarbeitet von Schnittmenge am 3. Juli 2009 - 1:48

Am 18. Juni hatte der wichtigste deutsche Philosoph der Gegenwart seinen 80. Geburtstag. Jürgen Habermas beteiligt sich gerne an den Debatten zu gesellschaftspolitischen Kontroversen, wie Historikerstreit, Bioethik, Europäische Verfassung, Irak-Krieg, Religon, ...

Philosophisches Denken ist für Jürgen Habermas kein Selbstzweck, sondern ein Werkzeug der Vernunft zur Entwicklung einer freien und gerechten Gesellschaft. Seine Diskurstheorie entwirft dafür ein ideales Verfahren, in dem die Menschen die Regeln ihres Zusammenlebens in freier und gleichberechtigter Kommunikation selber festlegen.

Habermas verbindet den historischen Materialismus von Marx mit dem amerikanischen Pragmatismus, der Entwicklungstheorie von Piaget und Kohlberg und der Psychoanalyse von Freud. Zudem beeinflusste er maßgeblich die deutschen Sozialwissenschaften, die Moral- und Sozialphilosophie. Meilensteine waren vor allem seine Theorie des kommunikativen Handelns und seine von Karl-Otto Apels diskurstheoretischen Arbeiten inspirierte Diskurstheorie der Moral und des Rechtes.

 

Für die Ohren

Denken für eine bessere Gesellschaft - Jürgen Habermas im Porträt (Quelle: BR-online radioWissen - 22:25 min)
Einmischung als Lebenselixier - Jürgen Habermas zum 80
(Quelle: BR-online radioThema - 44:32 min)

 

Videos

Film "Einladung zum Diskurs": 1/4 VIDEO; 2/4 VIDEO; 3/4 VIDEO; 4/4 VIDEO

 

Lebenslauf

1929
Jürgen Habermas wird am 18. Juni 1929 in Düsseldorf geboren.

1939-1943
Habermas ist Mitglied im Jungvolk.

1943-1945
Um der Hitlerjugend (HJ) zu entgehen, macht Habermas eine Ausbildung zum Hilfsarzt, was als Ersatz für eine Mitgliedschaft in der HJ anerkannt wird. Im Herbst 1944 kommt er als Fronthelfer an den Westwall. Zurück bei seiner Familie in Gummersbach entgeht er im Februar 1945 nur zufällig dem Einzug zur Wehrmacht.

1949-1954
Nach dem Abitur in Gummersbach studiert Habermas an den Universitäten Göttingen, Zürich und Bonn Philosophie, Psychologie, Deutsche Literatur und Ökonomie und promoviert in Bonn mit dem Thema "Das Absolute in der Geschichte. Eine Untersuchung zu Schellings Weltalterphilosophie".

1955
Habermas heiratet Ute Wesselhoeft. Aus der Ehe gehen drei Kinder hervor: Tilmann (geb. 1956), Rebekka (geb. 1959) und Judith (geb. 1967).

1954-1959
Habermas arbeitet zunächst als freier Journalist, bis er 1956 von dem aus dem Exil zurückgekehrten Theodor W. Adorno zur Mitarbeit am wieder eröffneten Institut für Sozialforschung in Frankfurt/Main eingeladen wird. Adorno bringt Habermas mit der empirischen Sozialforschung in Kontakt und bahnt ihm damit den Weg zur kritischen Gesellschaftstheorie.

1961
Habermas habilitiert in Marburg mit der Schrift "Strukturwandel der Öffentlichkeit. Untersuchungen zu einer Kategorie der bürgerlichen Gesellschaft", woraufhin er eine außerordentliche Professur für Philosophie an der Universität Heidelberg antritt.
Habermas arbeitet an einer Untersuchung des Instituts für Sozialforschung über die politische Bewusstseinslage der westdeutschen Studentenschaft mit. Er verfasst die Einleitung zu der daraus entstehenden Studie "Student und Politik", in der er erstmals den Gedanken einer zwanglosen Willensbildung als Kern des demokratischen Rechtsstaates skizziert.

1964-1971
Professur für Philosophie und Soziologie an der Universität Frankfurt/Main.
Als bekanntester Vertreter der aus der Frankfurter Schule entstandenen kritischen Theorie rückt er während der Studentenbewegung Ende der 60er Jahre ins Bewusstsein einer breiteren Öffentlichkeit und prägt entscheidend die Positionen der "verfassungsloyalen" Linken. Dabei geht er zunehmend auf Distanz zu den radikaleren Studentengruppen.

1968
Veröffentlichung der Studie "Erkenntnis und Interesse", die Habermas über den deutschsprachigen Raum hinaus bekannt macht.

1971-1983
Habermas wechselt als Direktor des Max-Planck-Instituts zur Erforschung der Lebensbedingungen der wissenschaftlich-technischen Welt nach Starnberg.
In dieser Zeit veröffentlicht er unter anderem "Legitimationsprobleme im Spätkapitalismus" (1973) und "Rekonstruktion des bürgerlichen Materialismus" (1976).

1981
Veröffentlichung seines Hauptwerks "Theorie des kommunikativen Handelns", dem 1992 sein zweites Opus magnum "Faktizität und Geltung" folgt. In seinen Werken verbindet Habermas die philosophische Analyse mit den Forderungen der modernen Sozialwissenschaften.

seit 1983
Mitglied der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung in Darmstadt.

1983-1994
Professor für Philosophie in Frankfurt/Main mit dem Schwerpunkt Sozial- und Geschichtsphilosophie.
Habermas ist maßgeblich an den intellektuellen Diskussionen im Positivismusstreit und an den Debatten über Systemtheorie, Postmoderne, zivilen Ungehorsam und Autoritarismus beteiligt.
Im Historiker-Streit ist er ein entschiedener Kritiker von Ernst Noltes (geb.1923) Versuch, die nationalsozialistische Massenvernichtung zu den stalinistischen Verbrechen in Beziehung zu setzen. Er sieht darin die Gefahr, die Einzigartigkeit der nationalsozialistischen Vernichtung der Juden zu relativieren.
Veröffentlichung der Werke "Moralbewusstsein und kommunikatives Handeln" (1983), "Die neue Unübersichtlichkeit" und "Diskurs der Moderne" (1985).

1992
In der Studie "Faktizität und Geltung" entwirft Habermas eine normative Theorie des Rechtsstaates.

1995
Veröffentlichung der Schrift "Die Normalität einer Berliner Republik"

1996
Veröffentlichung der Studie zur politischen Theorie "Die Einbeziehung des Anderen" und des Essays "Vom sinnlichen Eindruck zum symbolischen Ausdruck".

bis heute
Habermas sammelt eine Auszeichnung nach der anderen ein und ist weiterhin produktiv.

 

Auszeichnungen

  • 1980 Theodor-W.-Adorno-Preis
  • 1985 Geschwister-Scholl-Preis für Die neue Unübersichtlichkeit
  • 1986 Gottfried-Wilhelm-Leibniz-Preis
  • 1987 Sonning-Preis der Universität Kopenhagen
  • 1995 Karl-Jaspers-Preis
  • 1999 Hessischer Kulturpreis
  • 2001 Friedenspreis des Deutschen Buchhandels
  • 2003 Preis Von Asturien Sozialwissenschaften[83]
  • 2004 Kyoto-Preis (zur Dankesrede siehe Weblinks)
  • 2006 Bruno-Kreisky-Preis für das politische Buch (zur Dankesrede siehe Weblinks)
  • 2006 Staatspreis des Landes Nordrhein-Westfalen – Ministerpräsident Jürgen Rüttgers begründete die Auszeichnung für Habermas am 7. November
  • 2006 auf dem Petersberg bei Bonn damit, dass der Philosoph „ein großer Denker europäischer Kultur“ sei und „in der Tradition unseres Abendlandes und der Aufklärung“ stehe.
  • 2008 Europapreis für politische Kultur der Hans Ringier Stiftung

 

Veröffentlichungen

  • Das Absolute und die Geschichte. Von der Zwiespältigkeit in Schellings Denken (Diss.), Bonn 1954.
  • Student und Politik. Eine soziologische Untersuchung zum politischen Bewußtsein Frankfurter Studenten (zus. mit L. v. Friedburg, Ch. Oehler und F. Weltz), Neuwied 1961.
  • Strukturwandel der Öffentlichkeit. Untersuchungen zu einer Kategorie der bürgerlichen Gesellschaft (Habil.), Neuwied 1962 (Neuaufl.: Frankfurt am Main 1990), ISBN 3-518-28491-6.
  • Theorie und Praxis. Sozialphilosophische Studien, Frankfurt am Main 1963.
  • Erkenntnis und Interesse, Frankfurt a.M. 1968. (Mit einem neuen Nachwort, 1994) ISBN 3-518-06731-1.
  • Technik und Wissenschaft als „Ideologie“, Frankfurt am Main 1968, ISBN 3-518-10287-7.
  • Protestbewegung und Hochschulreform, Frankfurt am Main 1969.
  • Zur Logik der Sozialwissenschaften, [zuerst Beiheft 5 der Philosophischen Rundschau, Tübingen 1967] Frankfurt am Main 1970 (5., erw. Aufl. 1982), ISBN 3-518-28117-8.
  • Theorie der Gesellschaft oder Sozialtechnologie. Was leistet die Systemforschung? (zus. mit Niklas Luhmann), Frankfurt a.M. 1971.
  • Philosophisch-politische Profile, Frankfurt a.M. 1971 (erw. 1991).
  • Kultur und Kritik. Verstreute Aufsätze, Frankfurt a.M. 1973.
  • Legitimationsprobleme im Spätkapitalismus, Frankfurt a.M. 1973, ISBN 3-518-10623-6.
  • Zur Rekonstruktion des Historischen Materialismus, Frankfurt a.M. 1976, ISBN 3-518-27754-5.
  • Politik, Kunst, Religion. Essays über zeitgenössische Philosophen. Stuttgart 1978, ISBN 3-15-009902-1.
  • Theorie des kommunikativen Handelns (Bd. 1: Handlungsrationalität und gesellschaftliche Rationalisierung; Bd. 2: Zur Kritik der funktionalistischen Vernunft), Frankfurt a.M. 1981, ISBN 3-518-28775-3.
  • Kleine politische Schriften I-IV, Frankfurt a.M. 1981.
  • Moralbewußtsein und kommunikatives Handeln, Frankfurt a.M. 1983, ISBN 3-518-28022-8.
  • Die neue Unübersichtlichkeit. Kleine Politische Schriften V, Frankfurt a.M. 1985, ISBN 3-518-11321-6.
  • Vorstudien und Ergänzungen zur Theorie des kommunikativen Handelns, Frankfurt a.M. 1984.
  • Eine Art Schadensabwicklung. Kleine Politische Schriften VI, Frankfurt/a.M. 1987.
  • Nachmetaphysisches Denken. Philosophische Aufsätze, Frankfurt/a.M. 1988.
  • Der philosophische Diskurs der Moderne, Frankfurt a.M. 1985, ISBN 3-518-57722-0.
  • Die nachholende Revolution. Kleine politische Schriften VII, Frankfurt a.M. 1990.
  • Die Moderne – Ein unvollendetes Projekt. Philosophisch-politische Aufsätze, Leipzig 1990.
  • Erläuterungen zur Diskursethik, Frankfurt a.M. 1991.
  • Texte und Kontexte, Frankfurt a.M. 1991.
  • Vergangenheit als Zukunft? Das alte Deutschland im neuen Europa? Ein Gespräch mit Michael Haller, Zürich 1991.
  • Faktizität und Geltung. Beiträge zur Diskurstheorie des Rechts und des demokratischen Rechtsstaates, Frankfurt a.M. 1992, ISBN 3-518-28961-6.
  • Die Normalität einer Berliner Republik. Kleine Politische Schriften VIII,Frankfurt a.M. 1995.
  • Die Einbeziehung des Anderen. Studien zur politischen Theorie, Frankfurt a.M. 1996, ISBN 3-518-29044-4.
  • Vom sinnlichen Eindruck zum symbolischen Ausdruck. Philosophische Essays, Frankfurt a.M. 1997, ISBN 3-518-22233-3.
  • Die postnationale Konstellation. Politische Essays, Frankfurt a.M. 1998.
  • Wahrheit und Rechtfertigung. Philosophische Aufsätze, Frankfurt a.M. 1999.
  • Zeit der Übergänge. Kleine Politische Schriften IX, Frankfurt a.M. 2001.
  • Die Zukunft der menschlichen Natur. Auf dem Weg zu einer liberalen Eugenik? , Frankfurt/a.M. 2001.
  • Kommunikatives Handeln und detranszendentalisierte Vernunft, Reclam Verlag, Stuttgart 2001, ISBN 3-15-018164-X.
  • Der gespaltene Westen. Kleine politische Schriften X, Frankfurt a.M., 2004, ISBN 3-518-12383-1.
  • Zwischen Naturalismus und Religion. Philosophische Aufsätze, Frankfurt a.M. 2005, ISBN 3-518-58447-2.
  • Ach, Europa. Kleine politische Schriften XI. Frankfurt am Main 2008, ISBN 3-518-12551-6

 


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