Definition von Humor

. Standpunkt von Gruppe: Humor in der Beratung (Coaching)
Themenkreis:
Überarbeitet von Hugo am 7. April 2009 - 16:42

 1 ÜBER WAS WIR LACHEN

1.1 HUMORTHEORIEN - PHILOSOPHISCHE / SOZIOLOGISCHE BETRACHTUNG

Überblickt man die Fachliteratur zum Thema Humor, so sind vier Grund-Theorien zum Thema zu finden, die ich im Folgenden kurz beschreiben möchte:
• Überlegenheitstheorie
• Befreiungstheorie
• Inkrongruenztheorie
• Spieltheorie
Modernere Varianten gründen meist auf das Zusammenspiel der genannten Theorien und werden im Folgenden nicht erwähnt. 

1.1.1 ÜBERLEGENHEITSTHEORIE

Lachen Sie Lachen Sie über Missgeschicke oder über Unsicherheiten oder Tölpeleien Anderer? Dann trifft die Überlegenheitstheorie ihre Art von Humor. Platon (1997, übersetzt von Frede, D.) beschrieb diese Art des Humors in einem Gespräch zwischen Sokrates und Protarchus: „Wenn wir also über das lachen, was an unseren Freunden lächerlich ist, so ergibt die Überlegung, dass wir Lust mit Neid und damit also die Lust mit Unlust mischen. Denn darüber sind wir uns schon lange einig, dass der Neid eine Unlust der Seele ist, das Lachen aber eine Lust und dass in diesen Fällen beide zusammen entstehen.“ Wie Räwel (2005) beschreibt, gingen Aristoteles und Platon davon aus, „dass eher die Schwachen und Machtlosen über die Herrschenden und Einflussreichen lachen […]“, also aus Unterlegenheit heraus. Hobbes hingegen sah im Lachen einen Ausdruck des Triumphes über die Schwächen des Gegenübers und nahm damit eine weitere Sichtweise ein und rundete damit die Überlegenheitstheorie ab.

1.1.2 BEFREIUNGSTHEORIE

Lachen Sie etwa über Situationen wie diese: „Ein Delinquent, der an einem Montag zum Galgen geführt wird und dies mit der Bemerkung ‚Die Woche fängt ja gut an’ quittiert“. Räwel (2005, S12). Versetzen wir uns in die Lage des Delinquenten mit eben diesem wir uns gedanklich nun vergleichen wollen und die Art des Humors zu erfassen. Freud (1905) würde das Problem die objektive Beziehung Humorist – Zuschauer auf das individuelle Subjekt übertragen, auf das Über-Ich und das Ich: „Wir erhalten […] eine dynamische Aufklärung der humoristischen Einstellung, wenn wir annehmen, sie bestehe darin, dass die Person des Humoristen den psychischen Akzent von ihrem Ich abgezogen und auf das Über-Ich verlegt habe. Diesem so geschwellten Über-Ich kann nun das Ich winzig klein erscheinen, dass seine Interessen geringfügig, und es mag dem Über-Ich bei dieser neuen Energieverteilung leicht werden, die Reaktionsmöglichkeiten des Ich zu unterdrücken.“ Die Befreiungstheorie die Spencer auch „Tension management-theory“ nennt, gründet demnach auf humoristischer Lust um nervliche Energie abzubauen.

1.1.3 INKONGRUENZTHEORIE

Nehmen wir an Sie finden Harald Schmidts Witz lustig: „Immer mehr unserer Soldaten leiden unter Fettleibigkeit! Es gibt dafür viele Ursachen: Warsteiner, Erdinger, Weihenstephaner, Paulaner…“ Schachtner (2008, S.496). Aus theoretischen Betrachtungen heraus lachen Sie über die Trennung zweier Ideen, welche in dem Witz oder der Situation ineinander greifen. Kant (1977) geht hierbei auch von einer Widersinnigkeit als Quelle des Lachens aus: „Es muss in allem, was ein lebhaftes erschütterndes Lachen erringen soll, etwas Widersinniges sein (woran also der Verstand an sich kein Wohlgefallen finden kann). Das Lachen ist ein Affekt aus der plötzlichen Verwandlung einer gespannten Erwartung in nichts.“ Auch andere Philosophen wie Schopenhauer in seinem Werk „Die Welt als Wille und Vorstellung“ oder Suls mit seinem Beitrag „Cognitive Process in Humor Application“, greifen die Widersinnigkeit als Grundlage des Humors auf und bestärken die Inkogruenztheroie.

1.1.4 SPIELTHEORIE

Das spielerische Element wird in dieser Theorie als notwendige Komponente des Humors verstanden. Beim Vergleich von Spiel und Humor wird dargelegt, dass das Spiel eine wichtige Rolle bei der Ausbildung des Sinns für Humor spielt. Robinson (1999) hielt hierzu folgendes fest: „Sully (1902) merkt an, der Spaß am Komischen rühre daher, dass die Lust am Spiel angeregt werde verbunden mit der Weigerung, die Situation ernst zu nehmen, was wiederum eine typische Eigenschaft des Spiels sei. Eastman (1936) setzt Humor mit Spiel gleich, da er keine Werte aufweise, die sich von denen des Spiels unterscheiden.“

1.2 KATEGORIEN DES HUMORS UND DEREN RELEVANZ FÜR DEN HUMOR IN DER BERATUNG

In diesem Abschnitt möchte ich auf fünf relevante Kategorien des Humors wie sie in der Soziologie und Philosophie beschrieben werden zurückgreifen und einen Bezug zum therapeutischen Humor, wie ihn Robinson (1999) beschreibt, herstellen. Dieser Abschnitt hat keinen Anspruch auf Vollständigkeit, dient jedoch dazu die wichtigsten Sachformen – die auch im Folgenden weiter behandelt werden – zu reflektieren.

1.2.1 IRONIE 

Behler (1997) nimmt in seinem Buch „Ironie und literarische Moderne“ zum Begriff Ironie folgendermassen Stellung; „Sucht man nach charakteristischen Erscheinungsformen der klassischen Ironie, dann stellt sich schon bald heraus, dass sich fast alle Theoretiker der alten Ironie darin einig sind, in Sokrates den eigentlichen Meister der Ironie zu erblicken, der durch das Untertreiben seiner Talente, durch das berühmte Nichtwissen, den Gegenspieler in Verlegenheit versetzt und diesen gleichzeitig mit Fopp und Spott auf die richtige Gedanken bringt“. Sokrates bediente sich durch Mitteilung des Gegenteils einer Beratungsform, die im Humor oft wieder gefunden wird. Dabei werden Äusserungen gemacht, die meist unausgesprochene Erwartungen aufdecken, indem zum Schein das Gegenteil behauptet wird.
Beispiel für eine ironische Bemerkung: Coachee: „Zur Zeit gelingt mir in der Arbeit rein gar nichts.“ Coach: „Ja, so lieben wir unsere Arbeit.“

1.2.2 SARKASMUS

„Im Unterschied zur Ironie, welche zum Schein das Gegenteil behauptet, ist Sarkasmus bitterer und beissender und unabhängig davon ob das direkt Gemeinte ausgedrückt wird oder nicht.“ Wikipedia (2009, Suchbegriff Sarkasmus). In der Beratung kann sarkastischer Humor nur zur Provokation angewendet werden. Hierbei ist allerdings höchste Vorsicht geboten, dass der Klient nicht im Sinne der Überlegenheitstheorie auf eine niedrigere Ebene gestellt wird.
Beispiel: Coachee ist als Politiker tätig welcher nicht der präferierten Partei des Coaches angehört. Coach möchte den Politiker provozieren: „Nehmen wir mal an, Du wärst ein Idiot… und nehmen wir an, dass du in der Partei XXX als Politiker aktiv wärst… Aber ich wiederhole mich.“ (frei nach Mark Twain)

1.2.3 ZYNISMUS

„Heute bezeichnet man als Zynismus zum einen eine Haltung, die in (manchmal absichtlich) verletzender Weise die Wertvorstellungen anderer herabsetzt oder missachtet, und zum anderen auch eine Haltung, die moralische Werte grundsätzlich in Frage stellt (und sich darüber hinaus manchmal auch über sie lustig macht). Zynismus kann Folge und Anzeichen von Resignation sein. (Ein Zyniker ist jemand, der Ideale hat, aber ganz genau weiß, dass sie nicht realisierbar sind.)“ Wikipedia (2009, Suchbegriff Zynismus).
Bei zynischen Einstellungen gegenüber Aspekten der eigenen Arbeit spiegeln sich verlorener Stolz und Respekt gegenüber der eigenen Arbeit wider.
Zynische Bemerkungen gegenüber der Profession des Klienten und dessen Umfeld sollten in der Beratung keine Anwendung finden.
Beispiel: Der Berater zu einer Führungsperson im Finanzmarkt: „Haben Sie immer noch kein schlechtes Gewissen, wenn Sie so viel Boni einstreichen?“

1.2.4 SATIRE

„Satire ist der kommunikativen Sphäre der Moral zuzurechnen; es geht um Kritik, um die Bekanntmachung von achtens- oder missachtenswerten Personen oder Zuständen […]. Es ist eine verbale Aggressivität, die zumal im Keim der Moralistik in sich trägt“ Räwel (2005, S.105). Satire kann in der Beratung als Kommunikationsmittel der Mitglieder eines „inneren Teams“ benützt werden und verdeutlicht die gespaltene moralischen Auffassungen eines einzelnen Menschen
Als Beispiel zur Satire dient hier der Comic Zeichner Scott Adams, der mit seiner Figur „Dilbert“ auf die Missstände innerhalb grösserer Unternehmen aufmerksam macht:
ABBILDUNG 1: BEISPIEL EINER SATIRE (WWW.DILBERT.COM)

1.2.5 PARODIE

„Parodie bezeichnet die verzerrende, übertreibende oder verspottende Nachahmung eines bekannten Werkes oder einer prominenten Person, wobei zwar die Form oder (bei Personen) typische Verhaltensweisen beibehalten werden, aber ein anderer, nicht dazu passender Inhalt unterlegt wird. Durch die dadurch aufgebaute deutliche Abweichung gegenüber dem bekannten Original entsteht ein humoristischer Effekt. Eine Parodie braucht nicht zwingend verspottenden Charakter zu haben, sie kann sogar mit einer Hommage einhergehen.“ Wikipedia (2009, Suchbegriff Parodie). In der Beratung kann Parodie zur Verdeutlichung eines Verhaltens führen, welches der Klient scheinbar nicht an sich wahrnimmt. Hierbei handelt es sich um eine überspitzte Imitation oder Spiegelung.
Beispiel nach Titze, Eschenröder, (2007): „Ein Klient gibt stets dann einen charakteristischen Zischlaut von sich, wenn er über traurige bzw. ihn verletzende Sachverhalte spricht. Er vermittelt damit den Eindruck, als ob er diese Gefühle unterdrücken wollte. Der Therapeut macht diese Zischlaute immer dann nach, wenn die entsprechenden Themen angesprochen werden. Allmählich gelingt es dem Klienten, betreffende Gefühle bewusster zu spüren und in ihrer Bedeutung zu erkennen.“ 
Anmerkung: Nachdem ich in dieser Arbeit des Öfteren Wikipedia zitierte, bietet es sich geradezu an auf die parodierte Wikipedia Seite mit dem Namen www.kamelopedia.org zu Verweisen.

1.3 ZUSAMMENFASSUNG

Der Versuch den Gesamtkontext darüber zu geben über was wir (wir im Sinne soziologischer Betrachtungen) lachen, und wie sich Humor zeigt, gibt nur einen beschränkten Einblick auf die Anwendungsmöglichkeiten von Humortechniken wieder. Dennoch zeigt eine Gegenüberstellung die Vielfalt an Varianten auf, die in Baratungssituationen angewendet werden können. Der konkret angewandte therapeutische Humor, wie sie ihn Vera Robinson (1999) beschreibt, stützt sich grösstenteils auf die genannten Theorien und kann wohl auch in anderen Beratungssituationen als Arbeitstechnik angewendet werden um die Lösungsfindung zu den Problemen zu beschleunigen.

 


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