Niklas Luhmann

Um die immer komplexer werdende Gesellschaft besser beobachten und beschreiben zu können, entwickelte der Soziologe Niklas Luhmann einen neuen Theorienapparat.

So, wie das Fernglas Nikolaus Kopernikus die Beobachtung ermöglichte, dass sich die Erde um die Sonne dreht, so werden sich Ihnen - mit dem Theorienapparat von Niklas Luhmann - neue Erkenntnisse erschließen.

Des Weiteren bringt es wenig, sich über Teile der Gesellschaft zu empören, fragen Sie lieber, wie die Gesellschaft funktioniert. Als Isaac Newton ein Apfel auf den Kopf fiel, entrüstete er sich nicht darüber, sondern er überlegte, wie dies passieren konnte. Diese Frage nach dem "Wie" führte Herrn Newton zum Gravitationsgesetz. Herrn Luhmann hingegen führte sie zu einer eindrucksvollen Supertheorie, die Soziologie, Biologie, Psychologie, Wirtschaft, Recht, etc. miteinander verbinden vermag.

Holen Sie dank eines besseren Theorienapparates mehr aus Ihrer Beobachtungskapazität heraus! Lassen Sie sich in die Sichtweise der Welt Niklas Luhmanns entführen. Reduzieren Sie die immer größer werdende Weltkomplexität sinnvoll.

 

Ausgangspunkt: Beschränkte Beobachtungskapazität

Schauen Sie sich bitte folgenden Film an. Wer ist der Schuldige?:

 

Wir können nicht alles beobachten. Sie können Ihr „Wasserglas“ nicht voller als voll machen. Was wir nicht beobachten, registrieren wir einfach nicht. Unsere Aufnahmekapazität ist beschränkt. Doch was kommt ins Wasserglas, was läuft am Wasserglas vorbei? Was beobachten wir, was geht an uns vorbei?

Wie beobachten wir?

Beobachten bedeutet bei Niklas Luhmann, eine Unterscheidung zu treffeb (schuldig / nicht schuldig) und eine Seite dieser Unterscheidung zu benennen: Der Butler ist nicht schuldig; Frau Marbel ist schuldig (siehe Video).
Was Sie nicht unterscheiden, nehmen Sie auch nicht wahr. Wer nicht zwischen BMW X1 und BMW X3 unterscheidet, erkennt vielleicht diese beiden Autos als BMWs. Wer nicht zwischen bestimmten Automarken unterscheidet, sieht einfach nur ein Auto. Anstatt zwischen Automarken zu unterscheiden, können Sie auch zwischen Autos unterscheiden, die Sie als schön oder hässlich empfinden. Der Überschuss an Möglichkeiten in Ihrer Umwelt wird durch für Sie relevante Unterscheidungen gefiltert. Das, was Sie nicht unterscheiden und benennen, nehmen Sie auch nicht wahr und wird demnach von Ihnen nicht berücksichtigt. Achten Sie einmal darauf, welche Unterscheidungen Sie treffen (Selbstbeobachtung) und beobachten Sie andere Personen, welche Unterscheidungen diese benutzen (Fremdbeobachtung).

Weitere Beispiele:
Eskimos können zwischen 20 und mehr verschiedenen Schneearten unterscheiden. Denn diese Unterscheidungen können für die Eskimos überlebenswichtig sein. Bei bestimmten Schneearten bleibt man lieber im Iglu, eine andere hingegen verspricht eine erfolgreiche Jagt.
Zur Anpassung der Ausrüstung unterscheiden Skifahrer zwischen Neuschnee, Altschnee, Pulverschnee, Harschschnee und Pappschnee.
Wüstenbewohner benötigen in ihrem Alltag keine Unterscheidungen zwischen verschiedenen Schneearten. Entsprechend weniger Schneearten werden sie beobachten können.

Der Beobachter bestimmt, welche Unterscheidungen momentan für ihn sinnvoll sind. Beim Kauf eines Autos, kann er es als sinnvoll betrachten  zwischen schön und hässlich zu unterscheiden. Für einen anderen Beobachter ist die Unterscheidung zwischen BMW X1 und BMW X3 wichtiger. Wenn ich über die Straße gehen möchte, ist es für mich sinnvoll zwischen „Auto kommt“ und „kein Auto kommt“ zu unterscheiden, das Grün der Bäume nehme ich dabei nicht wahr. Sinn ist ein sehr effektiver Komplexitätsreduzierer, denn der Beobachter richtet so seine beschränkte Aufnahmekapazität nur auf die für ihn sinnvollen Unterscheidungen. Dabei bleiben unendlich viele andere mögliche Unterscheidungen unberücksichtigt. Nur das, was wir unterscheiden und benennen, gelangt in unser Wasserglas. Wir bestimmen, womit unser Wasserglas gefüllt werden könnte, in dem wir die Unterscheidungen treffen, die für uns sinnvoll sind.

Herr Luhmann möchte die Gesellschaft besser beobachten und wählt dementsprechende Unterscheidungen, die ihm diesem Ziel näher bringen. Durch die geschickte Wahl der verwendeten Differenzen können wir Dank Herrn Luhmann die Gesellschaft besser beobachten. Wir erfahren, wie sie funktioniert, ohne sich auf die Streitigkeiten einzulassen „was die Gesellschaft ist“. Denn Beobachtungen sind immer „Luftschlösser“, die auf eine Serie von Unterscheidungen aufbauen. Diese Serie der Unterscheidungen wird von einem Beobachter getroffen. Hinter diesen Beobachtungen steht eine Realität, doch werden sich unsere „Luftschlösser“ niemals auf das Fundament der Realität niederlassen. Das Fundament eines „Luftschlosses“ ist immer ein Beobachter mit seinen getroffenen Unterscheidungen. Herr Luhmann würde sagen, dass der Beobachter seine Realität durch Unterscheidungen konstruiert, doch wie macht er das?

Was Realität und was Gesellschaft sind, bleibt für uns unerreichbar, deshalb konzentriert sich Herr Luhmann darauf, wie wir beobachten und wie wir unsere Realität konstruieren.
 
Nun führen wir Sie nach und nach in die sehr clever gewählten Unterscheidungen ein. Sie werden die Gesellschaft in einem neuen Licht sehen. Viel Spaß bei der Abenteuerreise in eine neue Welt =>

Unterscheidung: System / Umwelt

Die Unterscheidung von System und Umwelt

Wer ein System benennt, schafft eine Grenze zwischen dem System und seiner Umwelt. In der Umwelt befindet sich all das, was sich nicht im System befindet und das System stellt einen winzigen Bruchteil im Vergleich zu seiner Umwelt (Welt, Universum) dar. Jeder kann nach seinem Ermessen eine Unterscheidung zwischen System und Umwelt treffen und so das Verhalten eines Systems beobachten, ohne dabei etwas zu übergehen, denn entweder befindet es sich im System oder in der Umwelt. Einfach und genial, nicht wahr?

Ich betone: Jeder kann die Grenzen eines Systems nach seinem Ermessen frei wählen. Bei Herrn Luhmann besteht die Gesellschaft respektive das soziale System aus den Elementen „Kommunikation“. Beispiel für die kleinste Einheit der Gesellschaft: Ein Gespräch zwischen zwei Menschen.

Mit dieser Wahl entzieht sich Herr Luhmann dem seit Jahrtausenden dauernden, philosophischen Streit zwischen der „Ichphilosophie“ und der „Seinsphilosophie“. Er steigt einfach aus der Subjekt-Objekt-Unterscheidung aus, indem er sich im übertragenden Sinne das Prädikat herauspickt.
Im Detail: Ich spreche mit Teo. (Subjekt/Satzgegenstand (Ich) – Prädikat/Satzaussage (spreche mit) – Objekt/Satzergänzung (Teo))

Teo und ich bleiben in der Umwelt des sozialen Systems / Gesellschaft. Was ein genialer Trick ist, um die komplizierteren Menschen aus der Gesellschaft herauszunehmen und so zu vereinfachen.

WICHTIG: Es besteht nur dann ein soziales System, wenn Teo und Ich kommunizieren. Existiert keine Kommunikation, so gibt es auch kein soziales System zwischen Theo und mir.

Der nächste Schachzug besteht darin, zu erkennen, wie Herr Luhmann die Kommunikation definiert? Sie werden überrascht sein, wetten das...!

Kommunikation

Sie - und nur Sie sind es, der bestimmt, was Sie verstehen. Sie bestimmen, was Sie wahrnehmen und welche Information Ihnen mitgeteilt wurde. Diese Prämisse überholt das weit verbreitete Sender-Empfänger-Modell komplett. Denn bei Luhmann wird keine Information übertragen...

Wir beginnen ganz von vorn:

 

Wer andere (Alter) nicht wahr nimmt, kann mit Ihnen (Ego) nicht kommunizieren. (Später werden wir Verbreitungsmedien kennenlernen, die es ermöglichen auch bei Abwesenheit von Alter Kommunikation zu ermöglichen.)

Doch wahrnehmen allein reicht nicht aus, damit Kommunikation entsteht.


Nach Luhmann liegt erst dann Kommunikation vor, wenn Ego versteht, dass Alter eine Information mitgeteilt hat.

Abstrakt formuliert, besteht Verstehen aus der Beobachtung von der Differenz zwischen Information und Mitteilung. Erstens, wenn Ego die Mitteilung so wie Alter versteht und zweitens dieser Mitteilung jene Information zuschreibt, auf die sich die Mitteilung Alters bezieht - “Ego überholt rechts!”, so hat Ego Alter richtig verstanden. Aufpassen! An dieser Stelle kann viel schief gehen. =>


Ein Missverstehen liegt dann vor, wenn Ego der Mitteilung “Idiot!” eine andere Information zuschreibt, als diejenige, die von Alter verwendete wurde. Alter bezeichnet Ego als Idiot, da Ego Alter rechts überholt hat. Doch Ego denkt, dass Alter ihn als Idiot bezeichnet, weil er einen Porsche fährt.

Es ist zu beachten, dass "Missverstehen" kein Begriff von Niklas Luhmann ist, sondern der Begriff eine (nicht final ausdiskutierte) Erfindung des "Luhmann-Stammtisch ( siehe http://de.consenser.org/node/2324) ist.

Welche Situationen kennen Sie? Wann haben Sie schon einmal jemanden  missverstanden? Nehmen Sie diese Situation her, und differenzieren Sie zum einen zwischen der Mitteilung und der zugeschriebenen Information Ihres Gesprächspartners (Alter) und zum anderen zwischen der Mitteilung und der zugeschriebenen Information Ihrerseits (Ego).
Noch eine Frage: Wie bemerkten Sie dieses Missverständnis überhaupt? Die Lösung finden Sie unten bei der Anschlusskommunikation.


Das Plusverstehen ist der absolute Hammer:

Alter braucht gar nichts mitzuteilen, es ist ausreichend, wenn Ego Alter eine Mitteilung und eine beliebige Information zuschreibt. Es wird keine Information übertragen, sondern Information entsteht, wenn diese Information für uns neu ist, und so unser Denken beeinflusst. Wir können uns selber neue Information schaffen, die unser Denken vorantreibt. Wir brauchen keinen Informationssender. Ein harmloser Krawattenträger kann als „Wichtigtuer“ plusverstanden werden und ein harmloser Rocker als eine Gefährdung der eigenen Sicherheit. Herzlich Willkommen in der Welt der “Luftschlösser”.

Es ist zu beachten, dass "Plusverstehen" kein Begriff von Niklas Luhmann ist, sondern der Begriff eine (nicht final ausdiskutierte) Erfindung des "Luhmann-Stammtisch (siehe http://de.consenser.org/node/2324) ist.


Noch einmal Schritt für Schritt:

1. Schritt (Person A - Alter [lat., der Andere]): Information
Die Aufnahmekapazität einer Person ist beschränkt. Deshalb selektiert Person A aus einem unendlichen Horizont von Informationen einen kleinen Ausschnitt, für ihn relevante Information heraus. Die Information muss  neue sein und zu einer Änderung des Denkens führen.

Beispiel Fußballspiel:
Person A ist Schiedsrichter und nimmt wahr, wie ein Spieler dramatisch stürzt. Währen dessen kann er die Werbung auf der Stadionleinwand nicht wahrnehmen bzw. stellt diese für ihn keine neue Information dar, da es sein Denken nicht beeinflusst - er kennt die Werbung bereits.

2. Schritt (Person A - Alter): Mitteilung
Person A wandelt die Information in eine Mitteilung um. Person A kann bei dieser Umwandlung etwas dazu erfinden, etwas weglassen, verfälschen oder einfach etwas anderes mitteilen. Er kann auch bestimmen, welches Medium er zur Mitteilung nutzt: per Sprache, per Brief, per Pfeife.

Beispiel Fußballspiel:
Der Schiedsrichter pfeift ein Foul und zeigt an, dass die Mannschaft des Spielers, der auf den Boden gefallen ist, einen Freistoß bekommt.

3. Schritt (Person B - Ego [lat. Ich]):  Verstehen
Erstens, wenn Person B (Ego) die Mitteilung wie Person A (Alter) als solche wahrnimmt und zweitens, dieser Mitteilung diejenige Information zuschreibt, auf die sich die Mitteilung Alters bezieht. Dann versteht Ego Alter richtig. Doch an diesem Punkt ist die Gefahr für Missverstehen und Plusverstehen (siehe oben) sehr groß.

Beispiel Fußballspiel:
Der Linienrichter (Person B) hört das Pfeifen und sieht die Handzeichen zum Foul des Schiedsrichters (Person A). Er entnimmt dieser Mitteilung die Information, dass es sich um den Spieler handelt, der auf dem Boden liegt.

Nach Luhmann ist Kommunikation erst mit dem Verstehen/Missverstehen /Plusverstehen vollzogen. Was nützt Ihnen die beste Rede, wenn Ihr Publikum Ihnen nicht zuhört und stattdessen schläft oder mit dem Smartphone spielt – es findet keine Kommunikation statt. Doch, wenn Ihre Zuhörer Sie anders verstehen, als Sie es meinen, hat Kommunikation stattgefunden. Nun besteht die Chance der Klärung durch Anschlusskommunikation.

 


4. Schritt (Person B - Alter): Anschlusskommunikation
Nach dem die Person B (Ego) etwas verstanden hat, was Person A (Alter) möglicherweise gemeint haben könnte, kann Person B (Ego) bewerten, ob er dies akzeptieren kann oder nicht. Diesen Vorgang nennt man auch Sinn-Verstehen. Person B (Ego) kann das Verstandene annehmen oder ablehnen. Es liegt in der Hand von Person B, die Kommunikation fortzusetzen, in dem er selbst eine Mitteilung äußert. Person B wird dabei zum neuen Alter und die Schritte 1 bis 3 einer neuen Kommunikationseinheit beginnen von vorn. Nur durch Anschlusskommunikation besteht die Chance, dass Missverstehen und Plusverstehen sich in den nächsten Kommunikationsschritten klären, jedoch besteht auch die Gefahr, dass noch mehr Verwirrung entsteht.  

Beispiel Fußballspiel:
Aus der mitgeteilten Information des Schiedsrichters entnahm der Linienrichter das Foul an dem Spieler. Doch der Linienrichter sah, dass der Fußballspieler nicht gefoult wurde, sondern sich theatralisch fallen ließ. Der Linienrichter vergleicht seine wahrgenommene Information (kein Foul) mit der Mitteilung des Schiedsrichters (Foul) und versucht, diesem Unterschied einen Sinn zu geben. Er kann sich denken, dass der Schiedsrichter vor dem Spiel bestochen wurde und deshalb so pfeift. Er überlegt sich weiter, dass der Schiedsrichter die „Schwalbe“ aus seiner Position einfach nicht erkennen konnte. Der nicht ausräumbarer Zweifel ist da. Der Linienrichter kann die Mitteilung zum Freistoß des Schiedsrichters nun annehmen oder auch ablehnen und die begonnene Kommunikation des Schiedsrichters fortsetzen. Es liegt in der Hand des Linienrichters, die Kommunikation weiterzuführen, in dem er selbst seine Information mitteilt. Der Linienrichter teilt dem Schiedsrichter mit, dass es kein Foul war. (Person B ist Alter im 2. Schritt.) Der Linienrichter wird dabei zum neuen Alter und die Schritte 1 bis 3 beginnen erneut.


Tabelleansicht der 4 Schritte mit dem Beispiel Fußballspiel

Konzept
1. Schritt
2. Schritt
3. Schritt
4. Schritt
Kommunikation besteht aus 3 Selektionen
Selektion der Information
Selektion der Mitteilung
Selektion des Verstehens
Selektion des Sinn-Verstehens
Anschlusskommunikation
     
Annahme oder Ablehnung
Wer?
Person A, Alter,
Schiedsrichter
Person A, Alter,
Schiedsrichter
Person B, Ego,
Linienrichter
Person B wird zu Alter,
Linienrichter
Was passiert?
Persona A wählt aus, was für ihn eine Information darstellt. (Der fallende Spieler)
Person A wählt, wie und was er von der Information mitteilt. (Pfeifen, Foul)
Person B nimmt die Mitteilung wahr und interpretiert (die Information), wie er diese zu verstehen hat. (Gefoulter Spieler)
Person B gibt dem  Verstandenen einen Sinn, welchen er annehmen oder ablehnen kann. Dies entspricht der Information der 1. Selektion => Person A wird zum Ego (Bestechung oder schlechter Winkel?)
Das bedeutet
Eine unendliche Fülle wird nicht als Information wahrgenommen (Werbeplakat)
Auf der Basis der Information wird eine Mitteilung erstellt. Dabei kann der Inhalt erfunden, weglassen, verfälscht oder komplett neu gestaltet  werden. (Das kann nur der Schiedsrichter wissen, für alle anderen ist der Schiedsrichter eine „Blackbox“.)
Die Mitteilung deutet eine Information an. Person B versucht, die Differenz von Information und  Mitteilung zu verstehen. (Gefallener Spieler wurde gefoult.)
Der informative Teil kann missverstanden werden. Die Mitteilung kann plusverstanden werden.
Die mitgeteilte Information von Person A und die wahrgenommene Information von Person B können sich stark unterscheiden => dieser, oder andere Unterschiede können zum Inhalt der Anschlusskommunikation werden. (Mitteilung darüber, dass der Spieler nicht gefoult wurde.)
Selektion ist wechselseitig beeinflusst
(doppelte Kontingenz)
 
Person A kann seine Mitteilung an seiner Vorstellung von Person B anpassen. (Erwartung A) (Sollte der Schiedsrichter parteiisch sein: Das sah auch für den Linienrichter wie ein Foul aus.)
Person B passt sein Verständnis seiner Vorstellung von Person A an. (Erwartung B) (Der Schiedsrichter konnte die Schwalbe aus seinem Blickwinkel nicht erkennen.)
 
In der Sprache von Luhmann
Information Mitteilung
Verstehen (Beobachtung der Differenz von Information und Mitteilung)
Anschluss
         

 

Sie merken, dass Sie es in der Hand haben, welchen Inhalt Sie verstehen. Es ist einfach, andere misszuverstehen. Durch das Plusverstehen wäre es Ihnen sogar möglich, eine Kommunikation aufzubauen, obwohl niemand etwas mitteilen wollte. Kommunikation ist mysteriös und riskant, doch zum Glück gibt es drei verschiedene Arten von Kommunikationsdoping (keine Originalbegriff bei Luhmann, aber eine m.E. lustige Übersetzung von SGKM) :
1.    Doping für eine weitere Reichweite: Kommunikationsmedien
2.    Doping für mehr Verständnis: Sprache
3.    Doping für widerstandslose Kommunikationsannahme: SGKM (Gefährlich!)

Doch bevor wir auf das Kommunikationsdoping eingehen, bedarf es dem Konzept von sich selbstbildenden Systemen. Denn nur mit diesem Konzept kann die Gesellschaft und deren Doping verstanden werden.

Autopoiesis

Autopoiesis ist mehr als Selbstorganisation

Schauen Sie sich die vielen Vögel an, wie sie dynamische Muster an den Himmel zeichnen!

 

Man kann von Selbstorganisation sprechen, wenn sich Elemente (Vögel) eines dynamischen Systems (Vogelschwarm) nur unter dem Einfluss von lokalen Regeln zu raum/zeitlichen Strukturen (Musterbildung) bilden.

 

Autopoietische Systeme gehen einen Schritt weiter. Autopoiese kommt aus dem Griechischen und setzt sich aus autos = selbst und poiein = machen zusammen. Ein autopoietisches System erschafft und erhält sich durch die Produktion ihrer eigenen Elemente! Schauen Sie sich das Video an und Sehen Sie, wie sich ein Embryo (autopoietisches System) durch die Eigenproduktion der Zellen (Elemente) selbst erzeugt:

 

Autopoietische Systeme sind nicht nur selbstorganisierende Systeme, sondern sie erschaffen sich auch selbst. Sie generieren ihre eigene Elemente, Prozesse und Strukturen. So entsteht ein operativ geschlossenes, selbstreferenzielles, selbsterzeugendes System, das sich reproduziert.


Verschiedene Arten von Systemen

Wenn Sie gegen einen Stein treten, können Sie die Flugbahn nach den Gesetzen der Physik berechnen. Treten Sie dagegen einen Hund, reichen die Gesetze der Physik nicht aus, um das Verhalten des Hundes vorherzusagen. So kann der Hund einfach weglaufen, bellen, knurren, dem Fuß ausweichen oder der Hund beißt sich in Ihren Fuß fest.

Die Biologen Humberto Maturana und Francisco Varela führten den Begriff der Autopoiesis ein, um die Organisationsmerkmale von Lebewesen zu definieren. Sie grenzen sich von einem Stein bzw. Trivialmaschinen ab. Ein Motorrad ist ein Beispiel für eine Trivialmaschine. Es kann auch als ein allopoietisches System bezeichnet werden - griechisch: állos = anderer, fremd; poiein = schaffen, machen, bauen. Ein Motorrad kann sich aus sich selbst heraus nicht erschaffen, es muss gebaut werden. Das Verhalten von Trivialmaschinen ist vorhersagbar, da sie determiniert sind. Das Verhalten von Trivialmaschinen ist mit dem Ursache-Wirkung-Prinzip zu erklären, sie reagieren gegenüber allen Menschen gleich. Das ist bei Lebewesen nicht der Fall. Oder verhalten Sie sich allen Menschen gegenüber gleich? Können Sie das Verhalten anderer Menschen genau vorhersagen? Ich kann das nicht! => Autopoietische Systeme bestimmen ihr eigenes Verhalten. Doch dies sollte nicht der einzige Grund sein, warum Sie keine Hunde treten sollten. ;-)


 

Herr Niklas Luhmann erweitert den Anwendungsbereich der Autopoiesis von biologischen Systemen auf sinnkonstituierende Systeme. Auf diese Weise lässt sich erklären, warum auch psychische und soziale Systeme für sich selbst entscheiden und nicht wie Trivialmaschinen analytisch zu bestimmen sind.

Ausgangsbasis eines autopoietischen Systems ist immer eine spezifische Operationsweise, welche die Art eines Systems bestimmt und nur innerhalb des jeweiligen Systems vorkommt. So ist die spezifische Operationsweise eines biologischen Systems der Lebensprozess, beim psychischen System der Gedanke und beim sozialen System ist es die Kommunikation.


Operative Schließung

Eine Operation ist ein Ereignis. Es hat keine Dauer und verschwindet sofort wieder. Schließt sich einer Operation keine weitere an, so verschwindet ein soziales bzw. psychisches System wieder. Anderseits kann es nur zu einem weiteren Gedanken kommen, wenn es ein psychisches System gibt. Es kann nur zu einer weiteren Kommunikation kommen, wenn es ein soziales System gibt. Operative Schließung bedeutet, dass sich innerhalb eines Systems die nächste Operation an der vorherigen Operation orientiert und nur dort anschließen kann.

Wir haben im Kapitel „Kommunikation“, das Element der sozialen Systeme kennengelernt. Es handelt sich um die Operation „Kommunikation“, die mit dem Verstehen von Ego abgeschlossen wird. Siehe Details: http://de.consenser.org/node/2316

Bei dem folgenden Bild sehen Sie vier zeitlich versetzte Ereignisse zusammengefasst: Foul, Schwalbe, Idiot und Platzverweis stellen die Elemente bzw. spezifische Operation des sozialen Systems dar.


Selbstreferenz (basale)

Die Struktur des sozialen Systems hält sich mögliche Operationen als 2. Operationen offen („Ja, Foul“, „Schwalbe“, „eine Minute Nachspielzeit einrechnen“, ...) und verschließt sich für Operationen, die nach der 1. Operation „Foul“ nicht anschließbar sind, wie zum Beispiel: „Weihnachten“, „Meer“, ...

Beim sinnkonstruierenden sozialen System wird aus der Vielzahl der möglichen Operationen nur die Operation verwirklicht, die aus Sicht des Systems sinnvoll ist. Jede realisierte Operation ist sinnvoll, da diese darauf hinweist, dass das System Umwelt angepasst ist. Sinn ist ein Medium mit der Unterscheidung real / möglich bzw. aktuell / potenziell.

Dies bedeutet, dass aus den vielen möglichen Operationen („Ja, Foul“, „Schwalbe“, „eine Minute Nachspielzeit einrechnen“, ...), die nach der 1. Operation „Foul“ strukturell anschießbar sind, nur eine bestimmte Operation aktualisiert wird, die dann auch automatisch sinnvoll ist, alleine wegen der Tatsache, dass diese Operation stattgefunden hat. Das soziale System ist dabei selbstreferenziell, da es sich auf seine eigenen Elemente bezieht und nicht auf die Umwelt. Dies bedeutet, dass der Mensch und die Operationsart „Gedanke“ sich in der Umwelt des sozialen Systems befinden. Sie gehören nicht zum sozialen System!!! Die Operationsart Kommunikation kommt nur im sozialen System vor. Das System ist operativ geschlossen.

Das alles mag für den, der sich das erste Mal mit den Theorien von Niklas Luhmann beschäftigt etwas befremdlich wirken, da die meisten Neulinge davon ausgehen, dass die Gesellschaft (soziales System) aus Menschen besteht. Doch wenn Sie, die sehr unterschiedlichen und komplexen Menschen in der Umwelt des sozialen Systems belassen, vereinfacht sich die Beobachtung sozialer Systemen ungemein. Das soziale System strukturiert sich selbst durch seine bisherigen Operationen, doch es bedarf auch einiger Umweltvoraussetzung.


Umweltvoraussetzungen

Geben Sie einem Hund zu essen und zu trinken, gehen Sie mit ihm spazieren und pflegen Sie ihn. So sorgen Sie für einige notwendige Umweltbedingungen, damit der Hund seine Autopoiese fortzusetzen kann. Doch wenn Sie diesen Hund treten, kann es sein, dass Sie der Hund beißt. Sperren Sie den Hund ein, ohne Essen und Trinken, so ist es eine Frage der Zeit, wann dieser Hund seine Lebensprozesse einstellt. Ist der Hund tot, so können Sie sicher sein, dass dieser Hund Sie nicht mehr beißt.

Dies bedeutet, dass für jedes autopoietische System gewisse Umweltvoraussetzungen erforderlich sind, damit es seine operative Schließung fortsetzen kann. Durch das Entziehen dieser Umweltvoraussetzungen kann die operative Schließung enden und damit das System zerstören.
Ein soziales System gibt es nur, wenn es Bewusstsein gibt, Bewusstsein gibt es nur, wenn es Menschen gibt, Menschen gibt es nur, wenn sie Sauerstoff zum Atmen haben. Es bedarf bestimmter Umweltvoraussetzungen, damit ein biologisches, psychisches und soziales System ihre nächste operative Schließung durchführen kann. Solange es innerhalb eines autopoietischen Systems zu Operationen kommt, ist somit die Anpassung an die Umwelt gegeben.

Dass der Mensch Luft atmet, bestimmt nicht unsere Gedanken, doch ohne Luft könnten wir nicht denken. Auch wenn Sie durch längeren Luftentzug gefoltert werden, in dem Ihr Kopf beispielsweise unter Wasser gehalten wird, bestimmen Sie weiterhin Ihre Gedanken selbst. Sie entscheiden, ob Sie die Informationen preis geben, die Ihre Peiniger hören wollen. Die Folterer können Ihre Gedanken nicht steuern, sie können nur weitere Gedanken unterbinden, in dem Sie getötet werden. Es ist Ihnen freigestellt, sich wie von den Peinigern gewünscht zu verhalten oder nicht, doch dies ist und bleibt Ihre Entscheidung, solange Sie dafür über die notwendigen Umweltvoraussetzungen verfügen. Denn wird die Autopoiesis nicht fortgesetzt, gibt es weder Entscheidungen noch Verhalten.

 

Strukturelle Kopplung

Wenn wir von struktureller Kopplung sprechen, beziehen wir uns nicht auf all die notwendigen Umweltvoraussetzungen, sondern wir sprechen dann von strukturellen Kopplungen, wenn ein Ereignis mindestens zwei verschiedene Elementarten erzeugt. So entsteht bei dem Verstehen, im sozialen System das Element „Kommunikation“ und im psychischen System das Element „Gedanke“. Die Mitteilung „Schwalbe“ vom Linienrichter wird so vom Schiedsrichter und Spieler verstanden, sodass alle drei denselben Gedanken haben. Auf diese Weise entstehen im sozialen System genau genommen zwei Kommunikationsoperationen.


Das gemeinsame Ereignis „t-3“ hat zwei verschiedene Systemarten miteinander gekoppelt und gleich fünf Elemente erzeugt, die vier verschiedene Systeme miteinander koppeln. Zählen Sie mal nach!

Wie man ein autopoietisches System beobachtet, erklären wir Ihnen im nächsten Kapitel genauer. Bei Fragen, kommen Sie ins [Philosophische Café] =>