Am 18. Juni hatte der wichtigste deutsche Philosoph der Gegenwart seinen 80. Geburtstag. Jürgen Habermas beteiligt sich gerne an den Debatten zu gesellschaftspolitischen Kontroversen, wie Historikerstreit, Bioethik, Europäische Verfassung, Irak-Krieg, Religon, ...
Philosophisches Denken ist für Jürgen Habermas kein Selbstzweck, sondern ein Werkzeug der Vernunft zur Entwicklung einer freien und gerechten Gesellschaft. Seine Diskurstheorie entwirft dafür ein ideales Verfahren, in dem die Menschen die Regeln ihres Zusammenlebens in freier und gleichberechtigter Kommunikation selber festlegen.
Habermas verbindet den historischen Materialismus von Marx mit dem amerikanischen Pragmatismus, der Entwicklungstheorie von Piaget und Kohlberg und der Psychoanalyse von Freud. Zudem beeinflusste er maßgeblich die deutschen Sozialwissenschaften, die Moral- und Sozialphilosophie. Meilensteine waren vor allem seine Theorie des kommunikativen Handelns und seine von Karl-Otto Apels diskurstheoretischen Arbeiten inspirierte Diskurstheorie der Moral und des Rechtes.
Denken für eine bessere Gesellschaft - Jürgen Habermas im Porträt (Quelle: BR-online radioWissen - 22:25 min)
Einmischung als Lebenselixier - Jürgen Habermas zum 80 (Quelle: BR-online radioThema - 44:32 min)
Film "Einladung zum Diskurs": 1/4 VIDEO; 2/4 VIDEO; 3/4 VIDEO; 4/4 VIDEO
1929
Jürgen Habermas wird am 18. Juni 1929 in Düsseldorf geboren.
1939-1943
Habermas ist Mitglied im Jungvolk.
1943-1945
Um der Hitlerjugend (HJ) zu entgehen, macht Habermas eine Ausbildung zum Hilfsarzt, was als Ersatz für eine Mitgliedschaft in der HJ anerkannt wird. Im Herbst 1944 kommt er als Fronthelfer an den Westwall. Zurück bei seiner Familie in Gummersbach entgeht er im Februar 1945 nur zufällig dem Einzug zur Wehrmacht.
1949-1954
Nach dem Abitur in Gummersbach studiert Habermas an den Universitäten Göttingen, Zürich und Bonn Philosophie, Psychologie, Deutsche Literatur und Ökonomie und promoviert in Bonn mit dem Thema "Das Absolute in der Geschichte. Eine Untersuchung zu Schellings Weltalterphilosophie".
1955
Habermas heiratet Ute Wesselhoeft. Aus der Ehe gehen drei Kinder hervor: Tilmann (geb. 1956), Rebekka (geb. 1959) und Judith (geb. 1967).
1954-1959
Habermas arbeitet zunächst als freier Journalist, bis er 1956 von dem aus dem Exil zurückgekehrten Theodor W. Adorno zur Mitarbeit am wieder eröffneten Institut für Sozialforschung in Frankfurt/Main eingeladen wird. Adorno bringt Habermas mit der empirischen Sozialforschung in Kontakt und bahnt ihm damit den Weg zur kritischen Gesellschaftstheorie.
1961
Habermas habilitiert in Marburg mit der Schrift "Strukturwandel der Öffentlichkeit. Untersuchungen zu einer Kategorie der bürgerlichen Gesellschaft", woraufhin er eine außerordentliche Professur für Philosophie an der Universität Heidelberg antritt.
Habermas arbeitet an einer Untersuchung des Instituts für Sozialforschung über die politische Bewusstseinslage der westdeutschen Studentenschaft mit. Er verfasst die Einleitung zu der daraus entstehenden Studie "Student und Politik", in der er erstmals den Gedanken einer zwanglosen Willensbildung als Kern des demokratischen Rechtsstaates skizziert.
1964-1971
Professur für Philosophie und Soziologie an der Universität Frankfurt/Main.
Als bekanntester Vertreter der aus der Frankfurter Schule entstandenen kritischen Theorie rückt er während der Studentenbewegung Ende der 60er Jahre ins Bewusstsein einer breiteren Öffentlichkeit und prägt entscheidend die Positionen der "verfassungsloyalen" Linken. Dabei geht er zunehmend auf Distanz zu den radikaleren Studentengruppen.
1968
Veröffentlichung der Studie "Erkenntnis und Interesse", die Habermas über den deutschsprachigen Raum hinaus bekannt macht.
1971-1983
Habermas wechselt als Direktor des Max-Planck-Instituts zur Erforschung der Lebensbedingungen der wissenschaftlich-technischen Welt nach Starnberg.
In dieser Zeit veröffentlicht er unter anderem "Legitimationsprobleme im Spätkapitalismus" (1973) und "Rekonstruktion des bürgerlichen Materialismus" (1976).
1981
Veröffentlichung seines Hauptwerks "Theorie des kommunikativen Handelns", dem 1992 sein zweites Opus magnum "Faktizität und Geltung" folgt. In seinen Werken verbindet Habermas die philosophische Analyse mit den Forderungen der modernen Sozialwissenschaften.
seit 1983
Mitglied der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung in Darmstadt.
1983-1994
Professor für Philosophie in Frankfurt/Main mit dem Schwerpunkt Sozial- und Geschichtsphilosophie.
Habermas ist maßgeblich an den intellektuellen Diskussionen im Positivismusstreit und an den Debatten über Systemtheorie, Postmoderne, zivilen Ungehorsam und Autoritarismus beteiligt.
Im Historiker-Streit ist er ein entschiedener Kritiker von Ernst Noltes (geb.1923) Versuch, die nationalsozialistische Massenvernichtung zu den stalinistischen Verbrechen in Beziehung zu setzen. Er sieht darin die Gefahr, die Einzigartigkeit der nationalsozialistischen Vernichtung der Juden zu relativieren.
Veröffentlichung der Werke "Moralbewusstsein und kommunikatives Handeln" (1983), "Die neue Unübersichtlichkeit" und "Diskurs der Moderne" (1985).
1992
In der Studie "Faktizität und Geltung" entwirft Habermas eine normative Theorie des Rechtsstaates.
1995
Veröffentlichung der Schrift "Die Normalität einer Berliner Republik"
1996
Veröffentlichung der Studie zur politischen Theorie "Die Einbeziehung des Anderen" und des Essays "Vom sinnlichen Eindruck zum symbolischen Ausdruck".
bis heute
Habermas sammelt eine Auszeichnung nach der anderen ein und ist weiterhin produktiv.